Ein ‚perfekter‘ Sommer ? – oder – Als der Sommer streikte

Wer kann schon immer perfekt sein? Und warum erwarten alle, dass der Sommer immer perfekt ist? Den Sommer macht dies ganz schön traurig.

„Nein“, sagte der Sommer eines sonnig warmen Sommertages, „es ist nicht in Ordnung. „Ich habe keine Lust mehr, eine ‚Selbstverständlichkeit‘ zu sein. Alle haben sie ihre Erwartungen an mich, und jeder wünscht sich etwas anderes von mir. Und in allem soll ich das Beste geben. Den Menschen die Erfüllung aller Wünsche, die sie mit einem perfekten Sommer verbinden. Der Natur, den Pflanzen und Tieren, das ideale Wetter, damit das Wachsen und Reifen in perfekten Bahnen seinen Lauf nimmt. Perfekt! Immer nur perfekt soll ich sein. Nie, ja, nie darf ich in irgendeiner Weise Schwäche zeigen, so wie es meinen geschätzten Kollegen, dem Frühling, dem Herbst und dem Winter gestattet ist. Ihre kleinen Unzulänglichkeiten gelten als charmant und akzeptabel, gönne ich mir aber eine Abweichung im Ablauf der Tage, so wird geschimpft, gezetert, geflucht, verdammt. Und Recht machen kann ich es niemandem. Geschimpft und geklagt wird immer. Ach, wer um alles in der Welt hat je bestimmt, dass ich perfekt sein soll? Perfekt!!! Wie ich dieses Wort hasse!“
Jedem, den er traf, warf der Sommer in jenem Sommer diese Worte zu: seinen Jahreszeitenkollegen, den Wettergeistern, der Sonne, den Wolken und dem Regenbogen, den Tieren und auch einigen jener Menschen, die sich noch darauf verstanden, der Natur zu lauschen. Keiner aber wusste eine Antwort auf seine Klagen. Wie auch? Ein Sommer mit kleinen – oder großen – Fehlern war eben kein richtiger Sommer.
Und eines besonders heißen Tages verließ der Sommer still und leise die große Bühne. Eigentlich hätte es ein besonders perfekter Tag werden sollen. Der Sommer hatte sich große Mühe gegeben, doch die sich über diese ,Affenhitze‘ beschwerenden Menschen, Tiere und Pflanzen hatten seine Freude zu sehr getrübt.
„Mir reicht es!“, sagte er. „Ich gehe.“
Von einem Tag auf den anderen überzog ein Hauch der Verlassenheit die Länder des Sommers. Alle, Menschen, Tiere, Pflanzen und Wettergeister, fühlten sich unwohl, glaubten, sich in einem fort im Kreise zu drehen. Wie Verlorene irrten sie durch die Tage, ohne ihren Weg im Wechsel der Zeiten zu finden.
„Okay“, sagte der Herbst schließlich. „Ich übernehme den Job des Sommers. Wenn auch ungern.“ Das hörte man seiner rauen Stimme an und rau war es dann auch, das Leben unter seiner Regentschaft. Ungemütlich kalt, windig und nass.
Zuerst schimpften die Menschen lauthals, sprachen von ‚Sommerchaos’, ‚Pleitesommer’ und ‚Katastrophenklima’. Jeder Tag aber machte sie ein wenig kleinlauter, stiller und demütiger. Nur die Kinder nahmen dem Sommer sein Verschwinden nicht übel. Es war, als hätten sie begriffen, was die Erwachsenen nicht zu verstehen imstande waren. Sie malten Sommerbilder, sangen Sommerlieder und riefen „Hallo Sommer! Im nächsten Jahr kommst du doch wieder?“ in den trüben Himmel hinauf.
„Okay okay“, murmelte der Sommer von irgendwo weit weg, „ich werde da sein. Pünktlich zu Sommerbeginn im nächsten Jahr. Vielleicht ein bisschen weniger perfekt wie sonst … Und vielleicht gewöhnt ihr euch daran.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

08. Juli 2013 von Elke
Kategorien: Geschichten über Gefühle, Gutenachtgeschichten, Märchen, Naturgeschichten, Sommergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 4 Kommentare

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