Der kleine Windhauch und das Lob der Menschen

Eigentlich wollte sich der kleine Windhauch nur von seinem Wind-„Job“ ein bisschen ausruhen. Doch an diesem heißen Tag war ihm keine Ruhe vergönnt. Jeder wollte eine kleine Windabkühlung haben, und das war ganz schön stressig …

Eines windigen Sommertages machte sich der kleine Windhauch aus dem Staub. Er hatte für heute keine Lust mehr, ständig zu wehen, stürmen und brausen. Während seine Windfamilie pfeifend durch Wälder, Felder und Straßen strich, versteckte er sich in der Krone einer alten Linde, die am Dorfplatz stand. Dort machte er sich klein und verharrte stumm, bis die Winde zum Meer weiter gezogen waren.
Ganz alleine war er nun und der kleine Windhauch erschrak nun doch über seinen Übermut. Die Windstille fühlte sich seltsam an. Beängstigend ein wenig.
Dem kleinen Windhauch wurde heiß vor Schreck. Was hatte er getan?
Unruhig sah er sich um. Die Sonne hatte sich den Tag zurückerobert. Sommerglutheiß brannte sie auf das Dorf, die Pflanzen, Tiere und Menschen nieder.
Warm und wärmer wurde auch dem kleinen Windhauch in seinem Baumversteck, ein Gefühl, das er nicht kannte. Er glitt aus seinem Versteck und strich durch die Straße.
„Oh, ein Windhauch!“, sagte eine Stimme. Sie klang erfreut. „Danke, dass du meine Haut streichelst und ihr Kühlung bringst.“
Oh! Der kleine Windhauch fühlte sich geschmeichelt. Er genoss es, gelobt zu werden.
„Wind? Wo ist Wind? Ich möchte ihn auch spüren!“, rief da eine zweite Stimme von der anderen Straßenseite. „Es ist so heiß heute. Hallo, Windhauch, wo bist du?“
Schnell eilte der kleine Windhauch mit seinem kühlen Atem über die Straße.
Da riefen schon weitere Stimmen nach ihm, und der kleine Windhauch beeilte sich, allen Rufen bereitwillig zu folgen. Es war schön, so beliebt zu sein und überall gelobt zu werden. Er eilte von hier nach da, zog durch die Straßen, strich durch die Gärten und über den Dorfplatz, wehte, kühlte, hauchte, streichelte und sauste. Und immer lauter brausten die Stimmen, die nach ihm riefen, in seinen Ohren. Es wurden auch immer mehr. Ganz außer Puste war der kleine Windhauch nun. Es blieb aber keine Zeit zum Ruhen.
„Ein schwerer Job ist das!“, klagte er und hielt für einen Moment inne. Job! Hatte er Job gesagt? Er wollte heute doch gar nicht arbeiten. Und beliebt wollte er auch nicht mehr sein. So nicht. Viel zu stressig war das!
Und während die Menschen schon wieder laut und fordernd von allen Seiten nach ihm riefen, machte er sich schnell aus dem Staub und sauste seiner Windfamilie hinterher. Sollten sie rufen, die Menschen. Und schwitzen. Schließlich war es Sommer.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

09. August 2013 von Elke
Kategorien: Gutenachtgeschichten, Märchen, Naturgeschichten, Sommergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Hallo Elke,
    ich muss unbedingt einmal ein dickes Lob aussprechen!
    Ich bin Beschäftigungsmitarbeiterin in einem Altenheim und lese sehr oft Geschichten von Ihnen vor. Die Senioren liebe sie, weil sie zum einen mitten aus dem Leben gegriffen sind und zum anderen leicht aber nicht unbedingt kindisch geschrieben sind.
    Danke für die tollen Geschichten – bitte machen Sie weiter so!
    Liebe Grüße von Irene

  2. Hallo Irene!
    Lieben Dank für deinen Besuch und den schönen Kommentar. Ich freue mich immer über Feedbacks und wenn sie so nett und positiv klingen, freut mich das umso mehr. Dass meine Kindergeschichten auch von Senioren und an Demenz erkrankten Menschen gerne gehört und gelesen werden, ist eine überwältigende Überraschung und macht Mut … auch für weitere Geschichten.
    Liebe Grüße und einen schönen Sommer Dir
    Elke

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