Der Drache Fauchi und die fliegenden Ungetüme

Da gibt es doch tatsächlich oben in der Berghöhle einen alten verschlafenen Drachen aus der Ritterzeit. Dass er viele hundert Jahre verschlafen hat, weiß er nicht, und wenn er ab und zu einmal aus seinem Drachenschläfchen erwacht, glaubt er, noch immer im Mittelalter in der Zeit der Ritter und Burgen und Prinzessinnen zu leben. Klar, dass er sich über viele Dinge, die ihm auf seinen kleinen Ausflügen begegnen, sehr sehr wundert. So auch über die Herbstdrachen am Himmel. 😉

„Uahh“, gähnte der Drache Fauchi und erhob sich von seinem Lager. Er schüttelte sich und tappte zum Höhlenausgang. Dass er wieder einmal hundert Jahre und mehr verschlafen hatte, wusste er nicht. Er musste an die Ritter mit ihren Schwertern denken, die ihn vor seinem Schläfchen verfolgt hatten. Ob sie noch draußen herumlungerten?
Vorsichtig lugte er aus der Höhle. Nein, da war niemand. Aber roch es nicht nach Rauch? Ob sie ihn nun ausräuchern wollten?
„Potzblitz und Feuerglut!“, brummte er. „Ich habe keine Prinzessin entführt. Wann kapieren sie das endlich, diese Blechheinis? Und wann hören sie auf, mich zu verfolgen?“
Von Rittern und Prinzessinnen hatte Fauchi die Nase gestrichen voll. Dass er die Ritterzeit längst verschlafen hatte, wusste er noch immer nicht. Und ehrlich, er würde es auch nicht begreifen.
Er schnupperte wieder. Da sah er im Tal Feuerstellen auf den Feldern. Was die da wohl verbrannten? Na, das musste er sich ansehen! Fauchi stieß einen tiefen Feuerstoß aus und eilte bergabwärts. Auf dem Talweg, der gar nicht mehr sandig war, sondern plötzlich einen seltsam harten Belag hatte, traf er unheimliche Blechdinger, die laut und qualmend an ihm vorbeirasten. Was waren das denn für stinkende Kampfmaschinen? Sie hatten es offenbar so eilig, dass sie ihn nicht bemerkten.
“Ich schätze, diese lärmenden Blechkerle muss ich nicht fürchten”, überlegte Fauchi, während er sich unterhalb des Weges zu den Feldern ins Tal schlich. “Sie scheinen blind zu sein und keine Lust auf Drachenjagd zu haben.”
Als Fauchi die Felder erreicht hatte, qualmte es nicht mehr so aufregend schön wie vorhin. Bauern hatten nur Kartoffelkraut verbrannt. Schade. Fauchi war enttäuscht. Er hatte sich zu sehr auf eine kleine Schlacht gefreut!
„Zu dumm“, knurrte er. „Jetzt fängt es auch noch an zu stürmen! Ph!“
Mürrisch starrte er zum Waldrand. Wind war aufgekommen. Er zerrte an den Bäumen und Hunderte gelber, roter und brauner Blätter wirbelten zu Boden. Fauchi wunderte sich. „Geht der Sommer schon zu Ende? Als die Ritter heute Morgen hinter mir her waren, war doch noch Frühling!“ Er seufzte. „Was für ein merkwürdiger Tag!“
Da, auf einmal, flog ein rot-gelb-blaues Ungetüm dicht über ihn hinweg. Fauchi erschrak. Was war das? Schnell versteckte er sich hinter einem Strauch. Das Ungetüm flatterte über ihm hin und her, drehte sich, stürzte kopfüber dem Boden zu, hielt inne und ließ sich wieder himmelwärts tragen.
Fauchi bekam es mit der Angst zu tun. „Was haben sie sich nun wieder für eine Kampfmaschine ausgedacht? Wollen sie mich damit erschlagen, erstechen, vergiften oder was?“
Ein zweites Fluguntüm brauste heran. Es war schwarz und hatte einen roten Zackenschwanz. Wie unheimlich es aussah! Da tauchte schon ein drittes buntes Monster auf, ein viertes, ein fünftes …!
Fauchi hörte auf zu zählen. Nun kamen auch noch Menschenkinder angelaufen. Sie lachten, winkten und liefen den Luftungetümen hinterher. Wie mutig sie waren!
Plötzlich hörte Fauchi eines der Kinder weinen. „Ich will auch einen Drachen haben“, schluchzte es. „Bitte, lasst mich auch einmal einen Drachen jagen!“
Einen Drachen jagen? Fauchi erstarrte vor Schreck. Also doch! Sie waren hinter ihm her. Fingen jetzt auch schon Kinder an, auf Drachenjagd zu gehen? Was für eine Welt!
Fauchi heulte auf. „Ihr kriegt mich nicht. Nie!“
So schnell er konnte, raste er heimwärts. Erst bei der Höhle wagte er es, sich umzusehen, doch da war niemand. Keine Ritter, keine Prinzessinnen, keine qualmenden Blechdinger, keine bunten Luftungetüme und auch keine Kinder.
Fauchi atmete auf. „Was für ein Glück!“ Er blickte ins Tal, wo die Luftungetüme noch immer durch die Luft wirbelten. „Sollen sie mich dort unten nur suchen!“, feixte er und rollte sich für ein Stündchen Schlaf zusammen. „Sie werden bald die Lust verlieren. Ich muss nur warten.“
Na, er wird sich schön wundern, wenn er, der letzte echte Drache auf der Welt, irgendwann, in einem Jahr oder zwei oder auch erst im nächsten Jahrhundert wieder aufwacht.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

05. September 2013 von Elke
Kategorien: Gutenachtgeschichten, Herbstgeschichten, Märchen, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , | 1 Kommentar

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