Der Herbst und seine Oma

Der Herbst und seine Oma

Sind es Herbstgeister, die im frühen Herbst Wald, Büsche, Wiesen und Zäune mit silber glitzernden „Zauber“fäden schmücken? Pit sucht eifrig nach ihnen, Papa aber hat eine ganz andere Erklärung, die etwas mit „alten Weibern“ zu tun hat …

An einem herbstlichen Morgen machen Papa und Pit eine Radtour in den Wald. Pit freut sich und denkt an das Märchen, das ihm Mama vorgelesen hat. In Herbstnächten sollen im Wald nämlich Geister herumspuken. Vielleicht, überlegt Pit, sind heute ein paar unterwegs?
Im Wald ist es nebelig und die Wege sind voller Herbstlaub.
„Warum müssen die Blätter im Herbst sterben?“, fragt Pit. „Wegen der Herbstgeister?“
„Herbstgeister?“ Papa lacht. „Oh nein. Die Bäume sammeln Kraft und stehlen sich den Saft aus den Blättern. Die Blätter trocknen aus, werden bunt und fallen zu Boden. Und wenn der Wind mitspielt, geht es noch schneller.“
„Vielleicht sind es aber doch die Herbstgeister“, meint Pit.
Papa seufzt. „Wenn du meinst… Dann sind deine komischen Geister aber auch Schuld, dass es hier noch so neblig ist.“
„Bestimmt“, sagt Pit. „Im Nebel können sie sich besser verstecken.“
Sie kommen zu einer Lichtung. Hell ist es hier. Die Sonne bricht durch die Nebeldecke, und zwischen Sträuchern und Gräsern hängen tausend und mehr dünne Fäden. Sie funkeln silbern im Sonnenlicht. Schön ist das.
Pit staunt. „Die Herbstgeister!“, ruft er. „Juchhu! Es gibt sie doch!“
„Das ist der Altweibersommer“, sagt Papa, der mit Geistern einfach nichts am Hut hat.
„Altweibersommer?“ Pit denkt an Oma, die gar nicht alt aussieht. „Das klingt doof.“
Papa lacht. „Die Silberfäden erinnern eben an die Haare alter Frauen. Ganz einfach.“
„Na ja“, meint Pit zweifelnd. „Oma hat keine grauen Haare. Ich finde, diese Fäden sehen wie Geisterzaubergarn aus. Das klingt schöner.“
Papa nickt. „Du hast Recht. Da fällt mir auch die Geschichte vom Herbst und seiner Oma ein. Willst du sie hören?“
Dumme Frage. „Klar!“, ruft Pit, und Papa erzählt:
„Die Silberfäden, die im Herbst an Zweigen, Gräsern, Zäunen, Dachrinnen und sonst wo hängen und in der Sonne glänzen und glitzern, waren den Menschen früher nicht geheuer. ‚Teufelswerk’, sagten sie voller Aberglaube. Andere erzählten sich die Sage vom Herbst und seiner Oma, und die ging so:
Oft fühlte sich der Herbst wegen der ewig klugen Ratschläge seiner Oma schrecklich genervt. Weil diese einfach nicht den Mund halten konnte, jagte er sie voller Wut mit seinen Windgeistern übers Land. Dabei ging es so wild zu, dass die arme Herbst-Oma überall ihre silbergrauen Haare verlor. Die Menschen fanden das nicht gut, und sie hassten den Herbst so sehr, dass sie ihm aus dem Weg gingen und Türen und Fenster fest zusperrten. Das ärgerte den Herbst. Er rüttelte mit seinen Winden an Türen und Fensterläden, zerrte Ziegel von den Dächern und riss Bäume um. „Ich habe keine Oma“, brüllte er dabei. „Die Silberfäden haben Elfen und Herbstgeister beim Unfugtreiben verloren!“
Die Menschen aber glaubten ihm nicht und nannten die Zeit der Silberfäden ´Altweibersommer´ zum Andenken an die Herbst-Oma. Auch heute noch sagen manche, alte ´Weiber´ hätten ihre Haare beim Kämmen verloren. Ältere Damen mögen das natürlich nicht so gerne hören und sagen ärgerlich: ´Dummes Gerede!´“, schließt Papa.
Pit lacht. Er denkt wieder an Oma. Ihr wird er die Geschichte vom Herbst und den alten Weibern erzählen. Was sie wohl dazu sagen wird?

© Elke Bräunling

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

14. September 2013 von Elke
Kategorien: Abenteuergeschichten, Familiengeschichten, Herbstgeschichten, Naturgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

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