Das fröhliche Herbstlaternenhaus

Von Kürbissen, einem Umzug in die Stadt und wie sich ein dunkles Hochhaus in eine fröhliche, helle Novemberwelt verwandelte – Eine Freundschafts-, Kürbis-, Laternen- und Martinsgeschichte

Vor einigen Tagen waren Pia und Pit in das Hochhaus am Rand der Stadt gezogen. Das Heimweh nach ihrem Heimatdorf und dem Leben auf dem Land aber war groß und so streiften sie nach der Schule oft über die Felder nahe der Hochhaussiedlung. Eines Tages entdeckten sie ein abgeerntetes Feld, auf dem noch ein paar Kürbisse lagen. Jubelnd rannte Pia auf das Feld.
„Lass uns einen Kürbis mitnehmen!“, schlug sie vor. „Fürs Laternenfest.“
„Wozu?“, brummte Pit. „Hier in der Stadt ist doch alles ganz anders! Hier feiert man keine Laternenfeste mit Kürbislaternen.“
„Sei nicht so griesgrämig!“, sagte Pia. „Machen wir eben für uns allein ein Laternenfest. Das wird prima. Wirst schon sehen!“
„Na ja …“
Traurig starrte Pit auf das Feld. Hier war alles war so anders. Am schlimmsten war das düstere Hochhaus mit den grauen Balkonen, den engen Fluren und dem schmutzigen Fahrstuhl. Grau und düster waren auch die Leute, die hier wohnten. Keiner sagte „Guten Tag“ oder „Hallo“, wenn man sich begegnete, und manchmal blickten Pia und Pit fast auch schon so düster drein wie die Leute hier.
Und genau so düster trottete Pit nun heimwärts, doch als sie später den Kürbis in ein fröhlich lachendes Gesicht verwandelten, kam die Freude dann doch. Es war fast ein bisschen wie früher.
Ihre Eltern freuten sich sehr, als sie von der Arbeit kamen und ihnen schon von weitem ein lachendes Kürbisgesicht, in dem ein helles Kerzenlicht flackerte, vom Fenster aus zulachte.
„Das habt ihr schön gemacht“, lobte Papa.
„Es ist wie daheim“, sagte Mama.
„Und gar nicht mehr so grau“, lachte Pia.
„Nein“, sagte Papa, „das Hochhaus sieht richtig freundlich aus mit eurem Lachgesicht.“
Da fanden es Pia und Pit für heute gar nicht mehr so schlimm in der neuen Wohnung. Ihr Kürbisgesicht aber lachte und strahlte den ganzen Abend auf die Straße hinunter, und die Leute blieben staunend vor dem Haus stehen.
Am nächsten Tag standen Kinder vor ihrer Tür.
„Hallo“, sagte ein Junge. „Ich bin Dirk, und das sind Max, Tobi und Anja. Zeigt ihr uns, wie man solche Lachgesichter bastelt?“
„Aber ja!“ Pia und Pit klopften die Herzen vor Freude. „Gerne.“
Sie marschierten zum Kürbisfeld, und Dirk, Mark, Tobias und Anja suchten sich Kürbisse aus. Es wurde ein lustiger Nachmittag. Ihre neuen Freunde waren beim Basteln nämlich etwas ungeschickt, doch mit Pias und Pits Hilfe verzauberten auch sie ihre Kürbisse in fröhliche Gesichter.
Am Abend leuchteten fünf Lachgesichter in den Fenstern des Hochhauses. Die Leute staunten. Einige brachten so etwas wie ein Lächeln über die Lippen, und darüber staunten sie noch mehr. Klar, am nächsten Abend waren es dann neun lachende Gesichter in neun Fenstern, am übernächsten Abend 16, und dann über 20. Man konnte sie fast nicht mehr zählen, so viele waren es. Das einst so finstere Hochhaus lachte den Menschen nun schon von weitem entgegen, und lächelnd grüßten auch die Menschen einander.
Pia, Pit und ihre Freunde aber hatten alle Hände voll zu tun. Immer mehr Kinder wünschten sich Kürbisgesichter, und bald machten auch in den Fenstern der Nachbarhäuser lachende Gesichter die dunkle Herbstzeit ein wenig heller.
Eines Tages aber kamen die Erwachsenen von der Arbeit und wunderten sich. Alle Fenster waren dunkel.
„Wo sind die Lachgesichter geblieben?“, riefen sie. „Sie waren so schön!“ Aufgeregt standen sie vor dem Hochhaus, diskutierten und starrten zu den dunklen Fenstern hinauf.
Da hörten sie Gesang, und ein Laternenzug mit vielen Kindern, die mit hell leuchtenden Kürbisgesichtern singend durch die Straße zogen, bog um die Ecke. „Ich geh mit meiner Laterne…“ sangen die Kinder und strahlten vor Freude.
„Ach!“, riefen die Erwachsenen. „Ein Laternenzug!“
Einige erinnerten sich an früher und schlossen sich dem Zug an, andere versuchten, die Lieder mitzusingen. Es war ein schöner Umzug im Wohnviertel, und so etwas hatten die Bewohner der hohen, grauen Häuser schon lange nicht mehr erlebt.
„Fast so schön wie daheim“, strahlte Pia.
„Nein“, rief Pit, „viel schöner. Weil es das hier noch nie gegeben hat.“
„Ja“, rief Dirk, „das machen wir jetzt immer.“
„Au ja“, riefen die Kinder.
„Prima“, klatschten die Erwachsenen. Sie unterhielten sich miteinander, lachten und freuten sich.
Später stellten die Kinder ihre lachenden Gesichter wieder in die Fenster, und da sollten sie auch eine Weile stehen bleiben. Es war ein bisschen heller geworden im Wohnviertel für Pia und Pit, für die Kinder und auch für die Erwachsenen – und das im grauen Nebelmonat November!

© Elke Bräunling

Eine kurze Fassung dieser Geschichte findest du hier: Das Haus mit den lachenden Gesichtern

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

07. November 2013 von Elke
Kategorien: Familiengeschichten, Freundschaftsgeschichten, Geschichten über Gefühle, Herbstgeschichten, Spaßgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 9 Kommentare

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