Der kleine und der große Nikolaus

Anna spielt Nikolaus und als „Nikolaus“ ist sie dann auch unterwegs und erlebt eine riesengroße Überraschung

Anna spielt Nikolaus. Sie zieht Mamas rote Jacke an und krempelt die Ärmel hoch. Einen weißen Rauschebart hat sie aus Watte und Klebestreifen gebastelt. Nun noch die rote Mütze, die Stiefel und der Sack, der eigentlich ein Turnbeutel ist, und fertig ist der Anna-Nikolaus.
„Eine Rute brauche ich nicht“, sagt Anna. „Ich bin ein lieber Nikolaus.“
„Fein“, meint Mama, „und was macht ein lieber Nikolaus?“
Anna kichert und geht zur Tür. „Dem Nikolaus helfen. Ist doch klar!“
„Und wohin geht der Nikolaus?“, fragt Mama, die wieder mal alles ganz genau wissen will.
„Das ist ein Nikolausgeheimnis“, sagt Anna, die Mama wieder mal nicht alles verraten will.
„Aha“, sagt Mama, „und wenn dir unterwegs der echte Nikolaus begegnet?“
Anna grinst. „Der wird einen schönen Schrecken kriegen!“, sagt sie und macht sich schnell aus dem Staub.
Auf der Straße ist es heute irgendwie anders. So geheimnisvoll! Weil Nikolaustag ist?
Anna schnuppert. „Es riecht auch anders“, findet sie. „Nach Nebeldunst, Lebkuchen, Mandarinen und so. Schön ist das.“
Und weil sich Anna heute auch so irgendwie anders fühlt, fängt sie an zu singen:
„Von drauß´ vom Walde komm´ ich her, ich muss euch sagen, es nikolaust sehr, es nikolaust sehr…“
Die Leute lachen über den kleinen Nikolaus. Sie greifen in ihre Einkaufstaschen und füllen Annas Turnsack mit Schokolade, Bonbons, Nüssen, Orangen und anderen leckeren Dingen.
„So ein Nikolaus hat´s gut“, freut sich Anna. Singend läuft sie stadteinwärts. Erst als es dämmert, denkt sie wieder an Mama, die daheim auf sie wartet.
„Au weia!“, murmelt Anna und saust los. Sie beeilt sich, aber der Turnsack auf ihrem Rücken wird beim Laufen schwer und schwerer. Anna fängt an zu schwitzen, doch gleich hat sie es geschafft. Die Kurve noch, dann…!
Da, plötzlich, rempelt sie gegen einen seltsamen, rot-weiß gekleideten Kerl.
„Hoppla!“, sagt der Rotweiße.
„Ho-ho-hoppla“, stottert Anna und starrt auf den Fremden mit dem roten Mantel und dem weißen Lockenbart, die Kapuze tief im Gesicht. Aaaber das ist doch d-d-der Nikolaus…!?
„Wer bist du denn?“, fragt da der Fremde auch schon.
Anna erschrickt. „D-d-der Nikolaus“, flüstert sie.
„Soso“, brummt der Fremde. „Du bist also der Nikolaus! Das trifft sich gut. Sag, Nikolaus, möchtest du mich begleiten?“ Er deutet auf das Haus, in dem Anna wohnt. „Hier wartet die kleine Anna nämlich schon auf uns!“
Was nun? Anna möchte weglaufen, doch da nimmt sie der Nikolaus an der Hand. „Los“, sagt er freundlich.
Annas Eltern staunen nicht schlecht, als zwei Nikoläuse vor ihnen stehen.
„Anna ist nicht da“, sagen sie. „Tut uns Leid.“
„Waaas?“, fragt der Nikolaus. „Anna ist nicht da?“
Er wendet sich zum Anna-Nikolaus. „Was machen wir denn nun?“
„P-pech für Anna!“, sagt Anna kleinlaut.
In ihrem Kopf aber kreiseln die Gedanken. Was soll sie tun? „Ich-bin-Anna!“, rufen? Vielleicht würde der Nikolaus böse sein? Aber wenn sie nichts sagt, würde er wieder gehen mit den Geschenken in seinem Sack! Das will Anna auch nicht. Es ist zu dumm! Anna überlegt fieberhaft. Dann hat sie eine Idee:
„Die zwei da“, sagt sie und deutet auf ihre Eltern, „freuen sich riesig auf Geschenke. Auch wenn sie schon erwachsen sind!“
Der Nikolaus ist ein wenig überrascht. „Meinst du?“
„Bestimmt!“, sagt Anna, und ihre Eltern nicken eifrig mit den Köpfen.
„Aber klar!“, rufen sie.
„Prima!“, sagt der kleine Anna-Nikolaus. „Aber zuerst müsst ihr uns ein Lied vorsingen!“
Annas Eltern gucken erst ein bisschen komisch, dann fangen sie an zu singen:
„Heute kommen zwei Nikoläuse, kommen mit ihren Gaben…“ singt Mama mit hoher Stimme, und Papa brummt ein tiefes „Lalala“ dazu, weil er den Text vergessen hat. Ganz schön komisch klingt dieser Gesang, und die beiden Nikoläuse müssen lachen.
„Singen wir nicht gut genug?“, fragt Papa ängstlich.
„Doch, doch!“, sagt der Anna-Nikolaus großmütig. „Wir lachen nur, weil…“ Sie weiß nicht mehr weiter.
„… weil uns euer Lied so sehr freut!“, sagt da der große Nikolaus schnell.
Dann packt er seinen Sack aus. Tolle Sachen legt er auf den Tisch: Schokolade, Lebkuchen, Nüsse, Zuckersterne, ein Bilderbuch und Buntstifte.
„Ohh“, rufen Annas Eltern. „Danke, lieber Nikolaus!“
„Ohh“, ruft auch der kleine Anna-Nikolaus. „Danke, danke!“
Dann packt Anna ihren Turnbeutel-Sack aus und legt ihre Gaben daneben.
Da freuen sich die Eltern noch mehr, und weil sie sich so freuen, fangen sie wieder mit dem Singen an.
„Nun müssen wir aber gehen“, sagt da der große Nikolaus schnell. „Andere Kinder warten auf uns. Schade, dass Anna nicht da gewesen ist.“
„Ja“, sagen die Eltern.
„Ja“, sagt auch der Anna-Nikolaus. „Wirklich schade!“
„Na dann!“, brummt der Nikolaus. „Gehen wir!“
„Nein“, meint Anna und muss auf einmal kichern. „Geh du schon mal voraus! Ich warte auf die arme, kleine Anna!“

© Elke Bräunling

Die kurze Fassung dieser Geschichte findest du hier: Zwei Nikoläuse für Anna

Diese Geschichte findest Du in dem Erzählband „Oma und ich und die Weihnachtszeit“


Taschenbuch: Oma und ich und die Weihnachtszeit: Advents- und Weihnachtsgeschichten
Ebook: Oma und ich und die Weihnachtszeit

Information

 

 

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

03. Dezember 2013 von Elke
Kategorien: Familiengeschichten, Gutenachtgeschichten, Spaßgeschichten, Weihnachtsgeschichten | Schlagwörter: , , , , | 22 Kommentare

Kommentare (22)

  1. Ich bin gerade eher durch Zufall auf diese Seite gestoßen und bin total begeistert. Da sind ja richtig tolle Geschichten dabei. Da werden sich meine Kinder freuen, wenn ich ihnen in Zukunft auch von hier eine Geschichte vorlesen werde.

  2. Herzlich Willkommen im Blog und viel Spaß hier mit den Geschichten.
    Liebe Grüße
    Elke

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