Als der kleine Engel die Erde besuchte

Manchmal, gerade zur Weihnachtszeit, besuchen kleine Engel die Erde. Und manchmal, doch das ist ganz selten, kann es vorkommen, dass sie nicht gleich den Weg zurück in den Himmel finden und sich ein Plätzchen als Engelchen am Weihnachtsbaum suchen. So wie Engel Angelito zum Beispiel …

Morgen ist Heiligabend und im Himmel geht es seit Tagen hoch her. Die Sterne putzen ihre Zacken blank, die Wolken sammeln Schneesterne, und die Engel proben für ihren Chorauftritt um Mitternacht. Nur der kleine Engel Angelito hat keine Lust zum Singen. Unter einem feierlichen Weihnachtsfest nämlich kann er sich nämlich noch nicht viel vorstellen….
Seit einigen Wochen beobachtet Angelito, wie sich die Kinder auf Weihnachten freuen. Warum freuen sie sich so sehr? Das will Angelito genauer wissen und in der Nacht vor Heiligabend hüpft er auf einen Mondlichtstrahl. Sanft gleitet er auf ihm hinab zur Erde und landet in einer Weihnachtstanne, deren Lichter wie kleine Sterne funkeln.
Am nächsten Morgen, als die Läden öffnen und erste Käufer mit finsteren Mienen durch die Straßen hetzen und drängeln, macht Angelito einen Stadtbummel.
Er betrachtet sich den Weihnachtsschmuck und staunt. Wie glitzerbunt Weihnachten hier ist! Angelito linst auch in die Fenster der Häuser. Dort herrscht emsiges Treiben: Kinder räumen maulend ihre Zimmer auf, Väter hantieren grimmig mit Tannenbäumen und Sägen in den Wohnzimmern und Mütter stehen schimpfend in den Küchen und kochen.
„Oh!“, murmelt der kleine Engel Angelito, „so feierlich scheint mir Weihnachten hier nicht zu sein.“
Er beschließt, schnell auf einem Sonnenstrahl zum Himmel zurückzukehren. Aber was ist das? Angelito erschrickt. Wolken haben sich vor die Sonne geschoben, und Schneeflocken schmücken die Stadt mit weihnachtlichem Weiß.
„Wie soll ich nun bloß wieder zurück in den Himmel gelangen?“, klagt Angelito und kauert sich unter die Zweige der Weihnachtstanne. Ihm ist so kalt, dass er klein und kleiner wird. Dabei verliert er immer mehr sein unsichtbares Engelskleid, bis er sich in einen kleinen Holzengel verwandelt hat.
Längst sind alle Geschäfte geschlossen, die Leute haben sich in ihre Häuser zurückgezogen, und Angelito liegt klein und alleine am Boden.
Da kommen Susa und Tim am Marktplatz vorbei.
„Sieh mal!“, sagt Tim. „Da liegt ein kleiner Engel.“
„Toll!“, freut sich Susa. „Den hänge ich zu Hause an unseren Weihnachtsbaum.“
„Nein“, ruft Angelito aufgeregt. „Ich muss in den Himmel zurück. Zum Mitternachts-Chorauftritt.“
Die Kinder erschrecken. „Du kannst ja reden“, stammelt Tim, und Susa fragt: „Bist du ein echter Engel?“
Angelito nickt.
„Aber was machst du dann hier auf dem Boden unter der Tanne?“
„Ich finde den Rückweg zum Himmel nicht mehr“, schluchzt Angelito. „Bitte helft mir! Ich muss einen Sonnenstrahl oder einen Mondstrahl finden.“
„O je“, seufzte Tim. „Wenn es schneit, sind Sonne und Mond hinter Wolken versteckt.“
„O je“, sagt auch Angelito. „Was soll ich denn tun?“
„Du kommst mit uns!“, sagt Susa. „Dort hast du es warm, und wenn der Mond hinter den Wolken hervor kriecht, setzen wir dich aufs Fensterbrett. Einverstanden?“
„Einverstanden“, sagt Angelito. Er freut sich, dass er Heiligabend nicht engelseelenalleine unter der Tanne verbringen muss.
Wenig später hängt Angelito am Christbaum der Familie Berger, und er fühlt sich sehr wohl hier. Als Herr Berger zur Bescherung die glitzernden Wunderkerzen anzündet, hätte Angelito vor Glück am liebsten laut gesungen. Ja, jetzt weiß er, was Weihnachten bedeutet. Vor allem, wenn er in die glücklichen Augen von Susa und Tim blickt, die vor dem Baum stehen und singen. Als sie das Lied vom Weihnachtsengel, der in der Nacht zu den Hirten kommt, singen, zwinkern sie Angelito fröhlich zu. Der zwinkert zurück. Dieses Lied gefällt ihm besonders gut und als das ‚Susanni, Susanna’ erschallt, strahlen die Lichter am Baum für einen Moment blitzhell auf.
„Tschüs, ihr beiden“, ruft Angelito und klammert sich am Strahl einer Wunderkerze fest.
„Tschüs, rufen Tim und Susa, doch da ist Angelito schon verschwunden. „Das war bestimmt der Sternenstrahl“, flüstert Susa. „Wie schön ist Weihnachten!“ Und sie singen noch einmal ‚Susanni, susanna’.
Dieses Lied singt auch Angelito laut und voller Freude, während er zum Himmel zurückkehrt. „Susanni, wie schön ist Weihnachten…“

© Elke Bräunling

Aus dem Buch:
Opas Adventskalender – 31 Adventskalendergeschichten

Taschenbuch: Opas Adventskalender: 31 Adventskalendergeschichten
Information

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

16. Dezember 2013 von Elke
Kategorien: Weihnachtsgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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