Als Frau Holle Winterschlaf machte


Frau Holle streikt, ganz ganz wundervoll erzählt von unserem allerliebsten Lieblingssprecher Aart Veder

Alle warten auf Schnee. Weihnachten ohne Schnee? Unvorstellbar. Das hatte sich auch Frau Holle immer gedacht, bis sie sich zu ärgern begann und eines Tages eine Entscheidung traf, die niemanden gefallen konnte

Frau Holle war sauer. Es war so schmutzig auf dem Land, auf das sie blickte.
„Es muss etwas geschehen“, sagte sie eines Vorwintertages und schüttelte ihre Schneekissen kräftig aus. Schon bald war der Schmutz mit Schnee bedeckt und überall im Land glitzerte es weiß. Die kranken Waldbäume sahen mit ihren Schneemützen wie Frühlingsbäume aus, die Müllhalden und Straßen waren wie weggezaubert, die Autos stanken weniger, denn sie kamen wegen des Schnees kaum vorwärts. Weil die Leute daher nicht pünktlich ihre Arbeitsplätze erreichten, qualmten bald die Fabrikschlote nicht mehr so stark, und der Dunst über den Städten begann sich aufzulösen.
Frau Holle war zufrieden. „Nun ist alles wieder sauber.“
Aber sie hatte die Rechnung ohne die Menschen gemacht, denen Schnee jetzt noch nicht in den Kram passte. Schneller als man denken konnte, kehrten sie ihn mit großen Maschinen wieder weg und streuten Salz.
Traurig beobachtete Frau Holle dieses Treiben. Es tat ihr um jede Schneeflocke Leid. Sie sah, wie das Salz an den Bäumen am Wegrand fraß und den Tierpfoten weh tat und wie die Kinder traurig ihre Schlitten wieder in die Keller stellten.
Frau Holle seufzte. „Das war keine gute Idee.“
Mutlos war sie geworden. „Es hat keinen Sinn“, jammerte sie. „Sie machen alles nur kaputt!“ Dicke Tränen kullerten über ihre faltigen Backen. Und weil sie vom Weinen müde wurde, gähnte sie.
„Ich sollte dies alles überschlafen“, murmelte sie. „Vielleicht fällt mir im Traum eine Lösung ein. Weck mich rechtzeitig zu Winterbeginn am 21. Dezember!“, befahl sie ihrem Großneffen Fredrik. „Dass du mir das nicht vergisst!“
Sie fiel in ihre Kissen und war im Nu eingeschlafen.
„Armes Tantchen!“, murmelte Fredrik voller Mitleid. „Wenn ich nur wüsste, wie ich dir helfen könnte!“
Und während Frau Holle leise vor sich hin schnarchte, starrte Fredrik auf das dunstige Land und grübelte. Je länger er nachdachte, desto größer wurde seine Wut auf die Menschen, die ihre Umwelt kaputt machten. Er hatte keine Lust, sie dafür auch noch mit einer weißen Winter-Märchenlandschaft zu belohnen. Nein, da hatte er eine bessere Idee. Und Fredrik beschloss, Frau Holle nicht zu wecken. Sollten die Menschen doch sehen, wie scheußlich ein Winter ohne Schnee sein würde!
Und so begann der Winter mit kaltem Nieselwetter. Am Himmel hingen Nebelschwaden, es war ungemütlich kalt und so düster, dass man den Tag kaum von der Nacht unterscheiden konnte. Voller Sehnsucht starrten die Menschen in den Tagen vor Weihnachten zum Himmel hinauf. Immer noch kein Schnee? Sie waren enttäuscht. Von Tag zu Tag ein bisschen mehr. Jetzt nämlich würde ihnen Schnee prima in den Kram passen. Doch der kam in diesem Jahr nicht.
Und Frau Holle? Die war so müde, dass sie erst im nächsten Herbst gut gelaunt und erholt aufwachte. Ehrlich, sie weiß bis heute nicht, dass sie jenen Winter verschlafen hatte. Und Fredrik wird sich hüten, ihr je etwas davon zu erzählen.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

25. Dezember 2013 von Elke
Kategorien: Gutenachtgeschichten, Naturgeschichten, Traumgeschichten, Weihnachtsgeschichten, Wintergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Wunderschöne diese Geschichten
    Frohe Weihnachten.
    Jeanny Friederich-Schmit
    Editioun. FRIEDERICH-SCHMIT

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