Die kleine Wolke und der Wind

Keinem kann es die kleine Wolke recht machen. Endlich trifft sie den Wind und findet Hilfe

Alleine stand die kleine Wolke am Himmel. Sie fürchtete sich. „Wo sind nur meine Wolkenfreunde?“, fragte sie und sah sich um. Nichts. Alle Wolken waren spurlos verschwunden. Die kleine Wolke war sehr traurig.
„Hast du meine Wolkenfreunde gesehen?“, fragte sie die Sonne.
Die Sonne schüttelte unwillig den Kopf. „Wolken gibt es hier nicht. Nur du versperrst mir den Weg. Zieh weiter, kleine Wolke! Heute ist ein Sonnentag.“
Die Sonne klang etwas verärgert, und die kleine Wolke machte sich eiligst davon. Wo aber sollte sie ein Plätzchen finden, an dem sie der Sonne nicht im Wege war? Einmal stand sie als grauer Schattenfleck über einer Wiese, ein anderes Mal tauchte sie den Marktplatz einer Stadt ins Dunkel, dann wieder nahm sie einem Wäldchen das Sonnenlicht.
„Habt ihr meine Wolkenfreunde gesehen?“, fragte sie jeden, den sie traf.
„Nein“, riefen die Gräser und Blumen, die Bienen und Käfer auf der Wiese. „Aber du nimmst uns mit deinem Schatten unsere Freude weg. Zieh weiter, kleine Wolke!“
„Huh“, riefen die Leute in der Stadt. „Eine Wolke. Wie kühl es gleich ist. Verschwinde, Wolke! Deine Freunde haben wir nicht gesehen. Ein Glück! Es ist nämlich so ein schöner Sonnentag.“
„Wir brauchen die warmen Sonnenstrahlen“, beschwerten sich die Bäume. „Zieh Leine, aber schnell!“
„Ja ja“, fiepten die Vögel in den Ästen! Wolken hatten wir in letzter Zeit genügend. Wir wollen Sonne, Sonne, Sonne!“
Der kleinen Wolke dröhnte es in den Ohren. „Aber wohin soll ich denn gehen?“, rief sie verzweifelt.
Darauf wusste niemand eine Antwort. „Zieh einfach weiter!“, riefen die Sonne, die Gräser und Blumen, die Bienen und Käfer, die Menschen, die Bäume und Vögel. Egal wohin.“
Die kleine Wolke vergoss leise ein paar Wolkentränen.
„Alleinesein ist gemein!“, schluchzte sie. Weil sie aber das Geschimpfe nicht mehr ertragen konnte, versteckte sie sich hinter einem hohen Berg in einer Schattenmulde und träumte:
„Wenn ich nur mit meinen Freunden über den Himmel ziehen könnte! Weit fort würden wir schweben über Berge und Täler, über Länder und Meere. Manchmal würden wir mit dem Wind um die Wette toben und tanzen und lachen. Schön wäre das.“
Die kleine Wolke lächelte trotz ihres Kummers.
Da raschelte es hinter den Felsen. „So gefällst du mir schon besser“, raunte eine Stimme. „Traurigsein ist langweilig.“
„Alleinesein auch“, sagte die kleine Wolke. „Sag, wer bist du?“
„Hörst du es nicht?“, pustete die Stimme. „Ich bin´s, der Wind. Gerade eben hast du an mich gedacht. Oder habe ich es geträumt?“
Der Wind gähnte. Dann kroch er aus seiner Höhle und sah sich um. „Was haben wir für ein Wetter heute?“
„Sonnenscheinwetter“, klagte die kleine Wolke. „Keine einzige Wolke ist am Himmel.“
„Schönes Wetter?“ Der Wind erschrak. „O je, da muss ich wohl verschlafen haben. Eigentlich hatte ich den Auftrag, heute für Regenwetter zu sorgen.“
„Das wirst du nicht mehr schaffen!“ meinte die kleine Wolke. „Du musst zuerst die Schäfchenwolken über den Himmel schicken.“
„Richtig!“ Der Wind sah sich ratlos um. „Das habe ich auch verschlafen. Hm! Was tun wir jetzt?“
Die kleine Wolke blinzelte. „Ich hätte eine Idee!“
„Eine Idee? Soso!“, brummte der Wind. „Was für eine Idee?“
„Mach aus mir eine Schäfchenwolkenherde!“, sagte die kleine Wolke. „Ist doch ganz einfach, oder? Und während wir über den Himmel ziehen, kannst du die Regenwolken zusammentrommeln. Vielleicht schaffst du es bis zum Abend!“
„Wirklich eine gute Idee“, sagte der Wind. „Und du kannst mit deiner Wolkenherde wieder über den Himmel toben. Dann bist du nicht mehr alleine. Gut, gut, so wird es gemacht.“
Und sogleich pumpte der Wind seine Backen auf. Weit und weiter, dann blies er los. Er blies und pumpte -pfffttt- mit aller Kraft auf die kleine Wolke ein. Und – eins, zwei, drei – riss er sie in viele kleine Wölkchen auseinander, und die verteilten sich blitzschnell am Himmel über dem Berg.
„Vielen Dank, Wind“, jubelten sie zur Erde herab.
„Auch euch vielen Dank!“, rief der Wind zurück, doch das hörte die kleine Wolke schon nicht mehr. Fröhlich tobte sie mit ihrer Herde in die Himmelswelt hinaus.

© Elke Bräunling

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

15. März 2014 von Elke
Kategorien: Märchen, Naturgeschichten, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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