Die Tränen der Birken zur Maikäferzeit

Wer sich nicht über die Maikäfer freut, das sind die Birken und alle anderen Bäume im Wald. Das gibt den Maikäfern zu denken

„Was ist nur mit unseren Maikäferfreunden los? Haben sie den Frühling verschlafen?“
Ratlos flog die kleine Elfe durch das Birkenwäldchen. Seit Tagen schon war sie auf der Suche nach den Maikäfern. Sie konnte aber keinen von ihnen entdecken.
„Hast du unsere Maikäferfreunde gesehen? Oder wenigstens einen von ihnen?“, fragte sie jeden, den sie unterwegs traf.
„Zum Glück habe ich sie nicht gesehen“, antwortete die große Birke. „Nicht mal einen von ihnen. Und das ist gut so. Diese gefräßigen Kerle knabbern nämlich immer meine jungen Blattkinder an und bohren mit ihren Kiefern tiefe Löcher in sie hinein.“ Die Birke schüttelte ihre lindgrün helle Krone. „Nein, ich vermisse sie nicht.“
„Ich auch nicht.“
„Ich auch nicht.“
„Ha! Wir natürlich auch nicht.“
„Wir wollen die Maikäfer hier nicht haben.“
„Im letzten Jahr haben sie unsere Zweige fast kahl gefressen. Nein, wir mögen die Maikäfer nicht leiden.“
Laut riefen die Birken durcheinander und laut hallte es durch das Wäldchen.
„Das ist aber traurig“, sagte die Elfe leise.
„Eine Birke ohne Blätter ist auch ein trauriger Anblick“, erwiderte die große Birke und sie klang nun auch traurig. „Weinen könnte ich, wenn ich an das Unglück denke, das die Maikäfer im letzten Jahr über uns gebracht haben.“
Und fast klang es nun, als weinten sie wirklich, die Blätter und Äste und Birken, und die kleine Elfe weinte ein paar Mitleidstränen gleich mit.
Unter einem Häufchen trockener Herbstblätter saßen drei Maikäfer und lauschten. Zögernd sahen sie sich an. Sie waren hungrig. Aber nun unter ihren Versteck hervor zu kriechen, nein, das wagten sie nicht. Es fühlte sich auch nicht gut an, wenn man so gar nicht gemocht wurde.
„Ich fürchte, unsere Kollegen haben es im letzten Jahr etwas übertrieben“, flüsterte einer der drei Maikäfer.
Sein Kollege nickte. „Alle Blätter verlieren tut weh. Ein leerer Bauch aber schmerzt auch. Oder sollen wir Maikäfer in herrlich duftenden Bäumen sitzen und hungern? Längst gäbe uns nicht mehr, würden wir so handeln.“
„Die Antwort liegt in der Mitte und lautet: Maß halten“, sagte der dritte Käfer, der ein sehr schlauer Käfer war. „Wenn wir von jedem Baum nur ein bisschen naschen, wird man uns dies nicht so sehr übel nehmen. Und so ist jeder zufrieden – die Bäume und unsere satten Mägen.“
„Gute Idee“, stimmten seine Freunde zu. „So werden wir es machen. Lasst es uns den Kollegen mitteilen.“
Die Käfer waren zufrieden und sie fühlten sich nicht mehr ganz so traurig.
Später, als die Dämmerung übers Land zog, krochen sie aus ihrem Versteck und brummsummten, pardon, und flogen zum Städtchen hinüber. Dort trafen sie sich wie jeden Abend mit ihren Käferfreuden bei der großen Laterne am Marktplatz. Zur Käferparty – und dieses Mal auch zu einem ernsten Käfergespräch …

© Elke Bräunling

Weitere Geschichte Maikäfer findet ihr hier: Maikäfernächte – Ein Maikäfertraum und Maikäfer flieg – Von einem Lied mit zwei ganz verschiedenen Texten

Diese Geschichte findest du auch in dem Buch: WALDGESCHICHTEN

Taschenbuch: Hör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte vom Wald: Waldgeschichten für Kinder Ebook:  Hör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte vom Wald Information

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

29. April 2014 von Elke
Kategorien: Frühlingsgeschichten, Geschichten über Gefühle, Naturgeschichten, Tiergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 3 Kommentare

Kommentare (3)

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