Sei keine Mimose!

Mimosen sind empfindlich, sagen die Kinder auf dem Spielplatz. Ehrlich wahr? – Ein Gespräch im Stadtpark

Wild und laut ging es zu. Die Kinder spielten Fangen und Verstecken, tobten über den Spielplatz und versteckten sich hinter Büschen.
Nur Antonia mochte nicht mitspielen. Bea, Tim und Alexander nämlich hatten sie vorhin sehr grob angefasst und Antonia hatte „Au! Das tut weh!“ gebrüllt.
Ausgelacht hatten sie sie da und Tim hatte „Was bist du für eine heulende Mimose!“ gerufen. Dann hatten alle Mimosen-Antonia zu Antonia gesagt.
Mimosen-Antonia! Wie doof das klang! Und wie gemein!
Antonia war gekränkt. Unter einer Mimose konnte sie sich zwar nichts vorstellen, aber bestimmt war das ein hässliches Schimpfwort. Sie setzte sich auf den Grasstreifen, der den Spielplatz vom Park trennte, und sah ihren Freunden, die nun nicht mehr ihre Freunde waren, beim Spielen zu. Es war lauter geworden. Die Mädchen hatten sich auf die Jagd nach den Jungen gemacht und jagten mit Gebrüll hinter ihnen her.
„Hilfe!“, schrien diese. „Wir werden von Monstern verfolgt. Zu Hilfe. Hoho!“
Sie schrien und lachten und kreischten und hatten viel Spaß.
„Unverschämtheit“, beschwerte sich ein Mann. „Hat man nirgendwo seine Ruhe vor Kindergeschrei?“
„Kinder haben in unserem Stadtpark nichts zu suchen“, ereiferte sich eine Frau.
„Genau“, stimmte ein älterer Mann lautstark zu. „Sollen die Kinder doch gefälligst zu Hause spielen!“
„Richtig!“, sagte eine der Frauen. „Es ist Sache der Eltern, sich um ihre Gören zu kümmern. Nicht zu ertragen ist dieser Lärm.“
Die vier Brummköpfe sahen zum Spielplatz hinüber und riefen: „Verschwindet! Ihr stört die Ruhe im Park.“
Antonia erschrak. Kinder störten? Oft schon hat sie diese Worte aus den Mündern von Erwachsenen gehört.
„Das ist falsch“, murmelte sie. „Der Spielplatz, der Park, die Straßen, sie gehören allen Menschen. Die Welt gehört uns allen, oder?“
Ohne weiter nachzudenken sprang sie auf und lief zu den schimpfenden Parkbesuchern hinüber. Dort baute sie sich vor ihnen auf und fragte:
„Wo haben Sie gespielt, damals, als Sie ein Kind waren?“
Die Leute schwiegen.
„Äh … nun … ja …! Ach, das ist doch etwas ganz anderes“, meinte eine Frau schließlich lahm.
„Das sagen die Großen immer, wenn ihnen keine bessere Antwort einfällt“, sagte Antonia.
„Bravo!“, rief eine Stimme. „Recht hast du. Wir alle sind einmal jung gewesen und haben genau so viel Spaß beim Spielen gehabt wie ihr. Und Radau haben wir auch gemacht. Er gehört dazu.“
Es war die ältere Dame, die ein paar Meter weiter auf der Bank saß. Sie winkte Antonia zu sich herüber und lächelte.
„Du bist ein mutiges, kleines Mädchen“, sagte sie.
Antonia strahlte vor Freude. Dann aber fiel ihr die Sache mit der Mimose wieder ein. Sie schüttelte den Kopf.
„Ich war nur wütend“, gestand sie der netten Dame. „Stark und mutig bin ich nicht. Mimosig bin ich.“
„Mimosig?“ Die Dame sah sie verwundert an.
Antonia nickte. „’Mimose’ haben meine Freunde zu mir gesagt und doof gelacht. Gemein, nicht? … Eine Mimose … was ist das eigentlich?“
„Eine hübsche, empfindliche und dennoch sehr starke Blume. Sie blüht im wärmeren Süden. Wie ein samtig zartes, kleines, gelbes Bällchen sitzen ihre Blütenköpfe am Strauch. Mimosen erwecken den Anschein, als seien sie sehr empfindlich. Bei Berührung ziehen sie ihre Blätter zusammen und rollen sie ein. So schützen sie sich.“
„Wie ein Igel?“
„Ja, so kannst du es sehen.“
„Dennoch sind sie zäh und kämpferisch. Oder wie sonst würden sie es schaffen, ihre ersten Blüten schon früh im kühlen Januar zu öffnen? Sie erfreuen mit ihrer Blüte im Winter die Herzen der Menschen.“
Antonia staunte. „Dann ist ‚Mimose‘ ja gar kein böses Schimpfwort?“ Sie blickte zu den spielenden Kindern hinüber. „Dann kann ich ja auch wieder rübergehen.“
Die Dame nickte. „Aber ja“, sagte sie. „Mimosen öffnen ihre Zweige und Blätter, wenn keine Gefahr droht.“ Sie lächelte wieder. „Am liebsten würde ich dich begleiten und bei euch mitspielen.“
„Dann kommen Sie doch mit!“, sagte Antonia. Sie grinste. „Oder sind Sie eine Mimose?“

© Elke Bräunling

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

15. Mai 2014 von Elke
Kategorien: Freundschaftsgeschichten, Geschichten über Gefühle, Mutgeschichten, Spaßgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , | 1 Kommentar

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