Der große Bär am Himmel

Eine Gutenachtgeschichte für Kinder, die noch nicht einschlafen können

Jule will heute gar nicht einschlafen. Zuerst hat Papa ihr eine Gutenachtgeschichte vorgelesen, dann hat Jule Durst gehabt, und dann musste sie unbedingt noch Katze Mimi streicheln.
“Jetzt ist aber Schluss”, ruft Mama und scheucht sie wieder ins Bett.
“Noch ein Lied”, bettelt Jule.
Mama seufzt. Dann singt sie ein Abendlied:

“Der Mond steigt hinterm Apfelbaum
zum Himmelszelt hinauf.
Er wünscht dir einen schönen Traum
und passt gut auf dich auf.
Und der große Sternenbär am Himmel sieht dir zu.
Ja, auch der Himmels-Sternenbär, der lacht dir leise zu.”

“Schön”, sagt Jule und kuschelt sich unter ihre Decke. “Ob man ihn lachen hört, diesen Sternenbären?”
Sie hüpft wieder aus dem Bett und geht zum Fenster. “Wo ist der Bär?”
Mama seufzt wieder. “Willst du nicht endlich schlafen?”
“Erst wenn du mir den großen Bären zeigst”, sagt Jule. „Aber das ist ja bestimmt bloß wieder eines von euren Erwachsenenmärchen. Haha!”
“Falsch!”, sagt Papa. “Der große Bär ist ein Sternbild. Du kannst es im Sommer sehr gut am Himmel sehen, und wenn du jetzt ganz brav ins Bett geht, zeige ich es dir morgen Abend.”
“Toll!”, sagt Jule. „Aber was ist ein Sternbild? Und wie kommt ein Bär an den Himmel?”
“Das ist eine Geschichte für sich”, sagt Papa.
“Erzähle!”, fordert Jule.
Mama seufzt wieder.
“Dann schlafe ich auch ganz bestimmt ein”, verspricht Jule.
Da erzählt Papa Jule und Mama das Märchen vom Großen Bären:

Das Märchen vom Großen Bären
(nach einer Erzählung von Tolstoi)
“Vor vielen, vielen Jahren war es so trocken auf der Erde, dass Menschen, Tiere und Pflanzen vor Durst starben. Eines Tages machte sich ein Mädchen auf die Suche nach Wasser für seine kranke Mutter. Es fand aber nirgendwo einen Tropfen. Da war das Mädchen so traurig, dass es sich ins Gras legte und einschlief. Als es später aber nach dem leeren Wasserkrug greifen wollte, war der voll gefüllt mit köstlich frischem Wasser. Das Mädchen staunte. Es freute sich sehr und machte sich auf den Heimweg, ohne selbst von dem kostbaren Wasser zu trinken. Dies sollte allein für die kranke Mutter sein. Das Mädchen beeilte sich so sehr, dass es vor lauter Laufen über einen kleinen Hund stolperte. Platsch! Der kostbare Wasserkrug fiel zu Boden und zerbrach. “Oje”, rief das Mädchen, “nun habe ich kein Wasser für meine Mutter!” Hilflos sah es sich um. Doch was war das? Der Krug stand auf einmal wieder voll mit frischem Wasser vor ihr. Jubelnd goss das Mädchen etwas Wasser in ihre Hand, und der durstige Hund trank daraus. Dann nahm es den Krug, und stellt euch vor: Der war auf einmal aus Silber! Ein Wunder! dachte das Mädchen. Es eilte nach Hause und gab der kranken Mutter den Krug. Die aber fühlte sich so schwach, dass sie das Wasser nicht trinken mochte. “Du brauchst mehr Kraft als ich”, sagte sie und reichte dem Mädchen den Krug zurück. Im gleichen Augenblick verwandelte sich der silberne Krug in einen goldenen. “Trink!”, sagte die Mutter. Als das Mädchen gerade trinken wollte, kam ein Wanderer und bat um Wasser. Da gab ihm das Mädchen, das vor Durst eine ganz trockene Kehle hatte, den Krug. Der aber war auf einmal mit sieben strahlend glänzenden Diamanten besetzt, und aus jedem Diamanten floss frisches Wasser. Nun war für alle genügend Wasser da. Als alle ihren Durst gestillt hatten, stiegen die sieben Diamanten als funkelhelle Sterne in die Lüfte hoch und höher himmelwärts und malten das Bild des Großen Bären an den Nachthimmel. Du kannst es noch heute leuchten sehen als Sternbild des Großen Bären.”

© Elke Bräunling

Das Lied vom Mond hinterm Apfelbaum kannst du dir hier anhören:

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

22. Mai 2014 von Elke
Kategorien: Familiengeschichten, Geschichten über Gefühle, Gutenachtgeschichten, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , | Schreibe einen Kommentar

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