Die Träume des Riesen

Von den Träumen eines Riesen, einer Birke auf der Wiese und der ‚Geburt‘ eines jungen Birkenwäldchens

Es waren einmal eine wunderschöne stolze Birke, die mitten auf einer bunten Blumenwiese ihren Platz hatte, und ein Riese namens Trolldich.
Trolldich war so groß, dass ihm die Zweige vom Wipfel der hellgrün blättrigen Birke in der Nase kitzelten, wenn er davor stand. Er liebte diese Birke.
Manchmal, wenn er müde war, ließ er seinen riesigen dicken Hintern schwerfällig in die Wiese plumpsen und lehnte sich an den Birkenstamm, bis sich dieser wie ein Grashalm nach hinten bog. Vom Lied des Windes, das zwischen den Birkenblättern und ihren Pollen mit den Bienen um die Wette summte, schlummerte er ein und fiel in einen tiefen Schlaf. Dann träumte er die süßesten rosaroten Zuckerwatteträume. Ein Traum war schöner als der andere, so dass er immer weiter träumte. Viele bunte Träume, für jedes Birkenblatt einen.
Eines Tages aber wachte er aus einem seiner Träume nicht mehr auf. Mitsamt seinen zuckersüßen rosa Watteträumen war er im Traumland verschwunden.
An jener Stelle aber, an der Trolldich auf der Wiese gelegen war, kann man manchmal einen riesig dunklen Fleck sehen. Vor allem, wenn die Sonne scheint, ist er gut zu erkennen. Und manchmal glitzern und gleißen ganz früh am Morgen die Grashalme, die auf dem dunklen Riesenfleck ihre Wiesenheimat haben, silberhell und watteweiß. Sie senden kleine Blinklichterchen über die Wiese. Mit jedem dieser Blinkpünktchen schickt der Riese Trolldich einen Traum zur Wiese zurück.
Da warten sie nun im Gras verborgen als Traumgeschenke des Riesen. Sie warten auf ein Menschenkind, das den Stamm der Birke umarmt und unbemerkt einen oder zwei oder drei neue rosarote Zuckerwatteträume mit nach Hause nimmt.
Es sind Träume von einem Riesen, der sich verdutzt die Augen rieb, als er endlich, endlich, nach vielen vielen Jahren an einem besonders schönen Sommermorgen wieder erwachte.
Er staunte Riesenholzklötze, als er sah, wie sehr sich alles um ihn herum verändert hatte.
`“Ich glaub, ich steh im Wald!“, polterte er mit seiner tiefen, etwas kratzigen Stimme los.
„Nein, du sitzt darin“, rief ein Eichhörnchen fröhlich.
Und es hatte Recht. Zwar lehnte Trolldich noch immer an der schönen Birke, deren Stamm inzwischen viel dicker geworden war und sich selbst von einem Riesen nicht mehr verbiegen ließ. Rings um ihn herum aber standen nun viele junge Birken in einem kleinen Birkenwäldchen, das während des Riesen Schlafs hier herangewachsen war.
„Oh, wie schön das ist!“ Gerührt wischte sich Trolldich eine dicke Träne aus dem linken Auge. „Ein Birkenwäldchen. Mein Birkenwäldchen. Davon habe ich mein ganzes Leben lang geträumt. Und nun ist mein Traum in Erfüllung gegangen. Ich bin der glücklichste Riese auf der Welt.“
Laut rief er es in den Wald hinaus, und leise, ganz leise, flüsterte er:
„Träume können manchmal eben doch wahr werden.“
© Andrea Oberdorfer & Elke Bräunling

Die Birke des Riesen
Die Birke des Riesen – Siehst du ihn, den großen dunklen Riesenfleck in der Wiese?, Foto © Andrea Oberdorfer

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

07. Juni 2014 von Elke
Kategorien: Frühlingsgeschichten, Gutenachtgeschichten, Naturgeschichten, Sommergeschichten, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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