Die Kirschfee und ihre Bäume

Eigentlich will die Kirschfee ihre Kinder, die Kirschen, alle für sich behalten. Sie sollen auf den Bäumen bleiben. Was aber sagen die Bäume dazu?

Fast bogen sich in diesem Jahr die Zweige an den Kirschbäumen bis zum Boden, so voller Früchte waren sie. Die Frühlingssonne hatte den Bäumen in den ersten Aprilwochen viele Bienen geschickt. Die hatten auf der Suche nach Nektar jede einzelne Kirschblüte wieder und wieder besucht, so dass nun fast aus jeder Blüte eine Kirsche reifte.
Die Bewohner des kleinen Tales waren sehr zufrieden mit ihren Kirschbäumen.
„Das wird ein feines Kirschenjahr! Wie wundervoll!“, sagten sie und freuten sich. Sie dachten an leckere Kirschtorten, Kirschmarmelade, Kirschkompott, Kirschpudding, an Kirschsaft, Kirschwein und klaren Kirschschnaps. Hmmm …
Jeden Abend besuchten sie ihre Kirschbäume nun und warteten voller Ungeduld darauf, dass sich die Bäckchen der Kirschen rot färbten.
„Die tiefroten Kirschen schmecken am besten. Saftig sind sie und zuckersüß“, sagte ein Vater zu seinen Kindern. „Deshalb sollten wir mit der Ernte warten.“
Und weil alle im Dorf so dachten, warteten auch alle mit dem Ernten.
„Wie schön!“, freute sich die Kirschfee und ihre Wangen färbten sich kirschrot vor Freude. Sie liebte ihre Kirschenkinder nämlich sehr und in jedem Jahr wieder fiel es ihr schwer, sie an die Menschen zu verlieren. Auch jetzt saß sie in ihrem Lieblingskirschbaum oben am Hang. Von dort hatte sie einen guten Blick auf die Bäume im Tal. Schwer trugen alle unter ihrer Last.
„Wie schön ihr seid!“, seufzte sie. „Wie prachtvoll, lebendig und satt. Gar nicht hergeben möchte ich euch. Nein, ihr sollt nicht in hungrigen Menschenmägen enden.“ Und ohne weiter nachzudenken, befahl sie: „Stoppt das Reifen! Ich wünsche, dass eure Früchte ihre grüne Farbe behalten. Hört ihr?“
Die Bäume hörten ihre Worte. „Geht nicht“, stöhnten sie. „Wir tragen zu viele Früchte. Sie werden immer schwerer. Lange können wir diese Last nicht mehr halten. Unsere Zweige werden brechen und die Früchte werden faulen.“
„Und die Menschen“, fügte einer der Bäume hinzu, „werden sehr traurig sein. Traurige Menschengesichter mag ich nicht leiden.“
„Ich auch nicht!“ „Ich auch nicht!“ „Wir auch nicht!“, riefen seine Baumkollegen, und ein Kirschbaum fügte hinzu:
„Wir freuen uns, wenn unsere süßen Kirschen Freude bringen, hörst du?“
Laut hallten die Rufe der Bäume zur Kirschfee herauf, und mit jedem Ruf färbten sich deren Wangen röter und röter. Vor Scham dieses Mal.

© Elke Bräunling

Du glaubst es nicht, doch einmal saß ein Affe im Kirschbaum. Das aber ist eine ganz andere Geschichte. Klick auf den Link!


Foto © Elke Bräunling, Blick zum Kirschbaum

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

12. Juni 2014 von Elke
Kategorien: Geschichten über Gefühle, Märchen, Naturgeschichten, Sommergeschichten, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , | 3 Kommentare

Kommentare (3)

  1. Unser Kirschbaun wünscht sich auch so eine Fee.
    Jeanny Friederich-Schmit

  2. Ich habe sie zu euch geschickt. Schaut mal nach!
    Mit einem Augenzwinkern 😉
    Elke

  3. Pingback: Als die Obstbäume einmal keine Früchte trugen » Elkes Kindergeschichten

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