Die Sonne und der Mond

Gestern war Vollmond. Vollmond ist für viele Menschen besonders magisch und spannend und aufregend. Ja, und manchem Kind schenkt er in diesen Tagen ganz besonders fantasievolle Träume

Seit es die Welt gibt, gibt es zwei, die sich gar nicht ausstehen können. Es sind die Sonne und der Mond.
„Mich mögen die Menschen, Tiere und Pflanzen lieber”, sagt die Sonne jeden Tag aufs Neue zufrieden. „Ich schenke ihnen Licht und Wärme, und damit mache ich die Menschen fröhlich, die Tiere sind zufrieden und die Pflanzen saugen mein Licht auf, um wachsen zu können.”
„Nicht alle Tiere mögen dein Sonnenlicht leiden”, erwidert der Mond. „Ich kenne viele, die erst in der Nacht aufwachen und auf Nahrungssuche gehen.”
„Wie viele?”, fragt die Sonne und lacht.
„Nun”, sagt der Mond, „da sind die Eulen, die Nachtfalter, Schnecken, Wildschweine, Füchse und viele andere Waldtiere, ja, und auch die Katzen mögen das Nachtlicht lieber leiden als deine brennend heißen Sonnenstrahlen.”
„Ist das alles?”, fragt die Sonne gönnerhaft. „Mehr hast du nicht zu bieten?”
Der Mond überlegt. „Ich begegne des Nachts auch einigen Menschen”, sagt er zögernd.
„Hahaha!”, lacht die Sonne. „Und du glaubst, diese Menschen würden nicht lieber in ihren Betten liegen und schlafen? Arbeiten müssen sie, die armen.”
„Sie feiern”, wirft der Mond ein, „und sie sind sehr fröhlich dabei.”
Die Sonne lacht wieder. „Du sagst es, sie feiern manchmal, aber sitzen sie dabei im Dunkeln? Nein, mit Kerzen, Strom oder Feuerwerken ahmen sie mein Licht nach. Wer mag auch ohne Licht fröhlich feiern?”
Der Mond schweigt. Was soll er darauf antworten? Und weil die beiden seit Menschengedenken wieder und wieder dieses Gespräch führen, macht sich der Mond jeden Monat aufs Neue dünn und dünner. Er mag nämlich nicht immer streiten. Dann aber denkt er ´Jetzt-erst-recht´, und er dehnt seine Sichel Nacht für Nacht wieder mehr und mehr aus, bis er kugelrund am Himmel steht und in das strahlende Antlitz der Sonne blickt. Ja, und dann beginnt der Streit von neuem.
Viele Jahre macht der Mond dieses üble Spiel mit, manchmal aber ist er so wütend über die Selbstgefälligkeit der Sonne, dass er all seine Kräfte zusammenpackt und sich mitten am helllichten Tage für ein oder zwei Minuten vor die Sonne stellt. Dunkel wird es dann im Land, und am Himmel funkeln Sterne. Da freut sich der Mond, und er tankt wieder Kraft für viele weitere Jahre, in denen er das Gezänke der Sonne ertragen muss.
Die Menschen aber erschrecken mächtig, wenn sich der Mond mitten am Tage vor die Sonne schiebt. „Sonnenfinsternis”, sagen sie dazu und bestaunen den Mond voller Ehrfurcht. Das freut den Mond, und er vergisst das Gezanke mit der Sonne für eine Weile. Dann aber geht alles wieder von vorne los …

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

14. Juni 2014 von Elke
Kategorien: Geschichten über Gefühle, Märchen, Naturgeschichten, Sommergeschichten, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Was müssen die auch immer streiten.
    Jeanny Friederich-Schmit

  2. Das frage ich mich auch …

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