Ein schöner Schreck – Mama ist weg

Wenn Mama müde ist und einfach einmal verschwindet, sieht die Welt plötzlich ganz anders aus und alle müssen zusammenhalten

Eines Tages war Mama fort. Sie war einfach nicht mehr vom Büro nach Hause gekommen. Ohne uns etwas zu sagen, war sie weggegangen. Uns hatte sie alleine gelassen. Einfach so. Sie wollte auch nicht mehr zu uns heimkommen. Warum das?
„Ich habe es satt“, sagte sie zu Papa am Telefon. „Nichts als Ärger habe ich mit euch. Und Stress. Und jeder denkt nur an sich alleine. Ja, und das mache ich jetzt auch.“
Sie sagte noch viel mehr über Papa und uns, über ihren Chef und ihre Arbeit, über unser altes Haus und den großen Garten und noch vieles mehr. Sie sagte so viel, dass Papa irgendwann überhaupt nichts mehr sagte. Er sah nur ganz blass aus.
Es war ein schöner Schreck. Da saßen wir nun, Papa, Lena und ich, und wir wussten nichts mit uns anzufangen. Mama fehlte uns so schrecklich. Noch nie war sie von uns fort gewesen. Ach, wir hatten sie ja so lieb!
„Wir sind Schuld“, heulte Lena, „wo wir ihr doch den dummen Stress gemacht haben!“
„Meinst du?“
Papa nickte. „Ein bisschen schon.“
„Du hast sie aber auch oft geärgert“, riefen wir.
Papa sah uns erstaunt an.
„I-i-ich?“, fragte er und dachte erst einmal nach. „Ja“, sagte er dann und wurde noch blasser. „Ihr habt Recht. Oh, ihr habt ja so sehr Recht!“
Und so hatten wir alle ein schlechtes Gewissen, wenn wir an Mama dachten. Und wir mussten oft an sie denken. Sie fehlte uns sehr. Das Leben ohne Mama war richtig gemein.
„Du musst sie zurückholen“, drängten wir Papa.
Doch der schüttelte den Kopf. „Sie will es nicht“, sagte er leise.
„Aber hat sie uns denn nicht mehr lieb?“
Papa zuckte mit den Schultern. „Ich glaube schon.“
„Wir werden auch ganz doll auf sie aufpassen“, rief Lena. „Und sie nicht mehr ärgern.“
„Ja, und wir werden ihr ganz arg viel helfen. Damit sie keinen Stress mehr mit uns hat.“
Wir nahmen uns fest vor, alles anders zu machen, wenn Mama nur erst wieder daheim sein würde.
Dann endlich fuhr Papa zu Mama. Um mit ihr zu reden, wie er sagte.
„Aber rede richtig mit ihr“, sagten wir.
„Und sie soll wieder heimkommen!“
Wir blieben bei Frau Meier, unserer Nachbarin, und das war eigentlich nicht schlecht. Frau Meier konnte spannende Geschichten erzählen, von früher und von den Pflanzen im Garten, von den Bäumen und Tieren, ja, und von Geistern natürlich. Das war prima, und wir vergaßen ein bisschen unseren Kummer. Und kochen konnte Frau Meier auch ganz toll. Viel besser als Papa, der immer so komische Körnerrezepte ausprobierte. Nein, da schmeckte es uns bei Frau Meier viel besser. Und Kuchen gab es auch jeden Tag, mit Zuckerguss und Schokoladenstückchen. Mhm.
Wenn Frau Meier kochte, passten wir immer ganz aufmerksam auf. Wir wollten all die guten Rezepte kennen lernen, damit wir für Mama kochen konnten, wenn Papa erst einmal mit dem Reden fertig war und Mama wieder heimgebracht hatte.
Frau Meier erklärte uns viele Kochtricks und zeigte uns, wie man Kuchen und Puddings, Schweinebraten und Würstelgulasch, Knödel und Pfannkuchen, Spaghettisoße und viele andere leckere Sachen zubereitete. Das machte Spaß, und nach ein paar Tagen konnten wir schon richtig gut kochen.
Eines Abends dann riefen Oma und Opa an und fragten, ob sie uns besuchen dürften.
„Oh ja“, rief Lena aufgeregt. „Wir haben auch eine Überraschung für euch. Das wird euch sehr freuen.“
Wir beschlossen, für Oma und Opa ganz alleine das Schokoladekuchenrezept von Frau Maier auszuprobieren. Außerdem wollten wir Würstelgulasch mit Reis kochen.
Voller Eifer standen wir am nächsten Morgen in unserer Küche und kochten und rührten und schnippelten und backten. Es war ganz schön viel Arbeit, doch Frau Meier kam und half uns ein bisschen. Den Kuchenteig aber rührten wir alleine an, und damit es ein schokoladensüßer Schokoladekuchen wurde, gaben wir doppelt so viel Schokolade und ein paar Löffel Nutella in den Teig. Der schmeckte dann auch toll süß.
Ich musste an Papa denken und lachte. „Papa würde sich vor unserem Kuchen graulen. Wo er doch Süßes nicht leiden mag!“
Lena zuckte die Achseln. „Der muss ihn ja auch nicht essen“, sagte sie. „Der muss nur reden. Mit Mama.“
„Und Mama heimbringen“, ergänzte ich und pantschte den Löffel in den Teig.
Wir schufteten ganz schön an diesem Morgen, und endlich war unser Essen vorbereitet. Das Geschirr war auch schon gespült, und der Kuchen backte im Ofen langsam vor sich hin.
Wir wollten es uns gerade ein bisschen gemütlich machen, als das Telefon klingelte. Es war Papa.
„Wir sind in zwanzig Minuten daheim“, sagte er. „Mama und ich!“
Was? Mama? Wir konnten es erst gar nicht begreifen. Mama würde heimkommen?
„Jippiee“, schrie ich so laut in den Telefonhörer, dass Papa bestimmt die Ohren dröhnten. „Jippie. Hurra. Wir freuen uns. Bis gleich!“
„Bis gleich“, schrie auch Lena.
Was waren wir aufgeregt! Mama würde heimkommen. Was für ein Tag!
„Sollen wir ihnen entgegen laufen?“, fragte Lena fröhlich.
„Oh ja“, rief ich, „und unterwegs pflücken wir einen Blumenstrauß für Mama.“
Und eins, zwei, drei rasten wir los, pflückten am Wegrand einen Strauß Margeriten, Wiesensalbei und Klatschmohn und freuten uns riesig. Dann, endlich, sahen wir unser Auto um die Kurve biegen.
Es wurde eine lange Begrüßung. Wir hatten uns so viel zu erzählen! Eine ganze Weile saßen wir am Wegrand und erzählten und küssten und umarmten uns.
„Jetzt sind wir wieder eine richtige Familie“, sagte Lena.
„Ja“, rief ich schnell, „aber eine Familie ohne Stress.“
„Und ohne Ärger“, sagte Papa und grinste Mama an.
Da mussten wir alle lachen, und fröhlich fuhren wir heim.
Als wir in unsere Straße einbogen, mussten wir gleich wieder lachen. Da stand Opa nämlich steif und zittrig auf dem Fensterbrett und versuchte, durch das Fenster in unser Haus einzubrechen. Oma stand auf der Straße und redete mit Händen und Füssen auf ihn ein.
Das sah vielleicht komisch aus!
„Oh je“, rief Lena. Oma und Opa! Die habe ich ganz vergessen.“
„Ich auch. Au weia.“
Und dann fiel mir der Kuchen im Backofen ein. Ich erschrak.
„Und unseren Schokoladenkuchen haben wir auch vergessen!“
Wie der Blitz rasten wir ins Haus, während Papa Opa vom Fensterbrett herunter rettete.
In der Küche roch es qualmig und verbrannt, und unser Kuchen sah wie ein kleiner stinkender Klumpen aus. Gemein.
„Unser schöner Kuchen!“ Ohne es zu wollen heulte ich los.
„Ja“, jammerte Lena, „unsere tolle Überraschung ist futsch.“
Das fing ja gut an für Mama! Ob dieser Ärger mit dem verbrannten Kuchen nun schon wieder ein neuer Stress für sie war?
Wir hatten Glück: Mama lachte nur, als sie in die Küche kam.
Na ja, dann gab es eben keinen schönen süßen Schokoladenkuchen. Unser Würstelgulasch aber schmeckte allen ganz prima. Sogar Papa, der in letzter Zeit nur noch dieses gesunde Körnerzeugs essen wollte.
„Schokoladenkuchen“, sagte er und lud sich den Teller noch einmal mit Gulasch auf, „hätte ich sowieso nicht gemocht. Er ist mir viel zu süß.“

© Elke Bräunling

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Ebook:Oma und ich und die Frühlingszeit: Frühlingsgeschichten

Information

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

01. Juli 2014 von Elke
Kategorien: Familiengeschichten, Geschichten über Gefühle, Mutgeschichten | Schlagwörter: , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Was bin ich froh, dass die Mama nicht wierklich weg war.
    Jeanny Friederich-Schmit

  2. Ein Happy End muss sein bei einer Kindergeschichte, finde ich. Außerdem kommen die meisten Mamas wieder zurück
    Lieber Gruß
    Elke

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