Die Stadt im Watt

Eine versunkene Stadt gibt es im Watt und manchmal soll man sie noch … nein, lest selbst!

Im Urlaub auf der Nordseeinsel Nordstrand hatten Pia und Pit mit ihren Eltern Unterkunft in einem alten Fischerhaus hinterm Deich gefunden. Gleich am ersten Abend hatte der alte Fischer den Kindern versprochen, ihnen das Watt mit all seinen Wundern und Geheimnissen zu zeigen.
Mächtig gespannt waren Pia und Pit, als sie am Morgen zum Deich liefen und aufs Meer spähten. Das Watt lag unter dem Wasser verborgen, doch wenn man genau hinschaute, sah man, wie sich das Meer langsam zurückzog.
„Dort!“, sagte Pit und deutete nach Westen aufs Meer. „Irgendwo dort hinten liegt sie, die versunkene Stadt.“
Pia nickte und dachte an die Geschichten, die ihnen der alte Fischer erzählt hatte.
Früher nämlich hatte die Insel Nordstrand den Namen „Strand“ getragen und sie war sehr viel größer gewesen als heute. Der größte Ort auf der Insel war die Stadt Rungholt. Im Jahr 1362 aber hatte eine große Sturmflut fast alles auf Strand zerstört und Rungholt war mit allen Häusern und Kirchen und Windmühlen und Menschen und Tieren im Meer versunken. Weitere Sturmfluten kamen und in einer ganz schlimmen Sturmnacht im Jahr 1634 brach die Insel Strand auseinander. Nur Inseln blieben übrig: Nordstrand, Pellworm und die Halligen. Der Rest von ‚Strand‘ versank im Meer.
Eine spannende Geschichte.
„Besonders gruselig ist“, sagte Pia nun, „dass es keine erfundene Geschichte ist. Wahre Geschichten sind ein bisschen gemein, oder?“
„Stimmt.“ Pit nickte. „Und all das, was diese Sturmfluten zerstört haben, liegt irgendwo da draußen tief im Watt begraben.“
Pia schüttelte sich. „Auch die toten Menschen und Tiere?“
„Die auch. Und die Glocken der Kirchen liegen da auch irgendwo.“
Die Kinder schwiegen. Sie dachten an die Legende, von der der Fischer auch berichtet hatte. Manchmal nämlich könne man die Glocken der Kirchen von Rungholt noch heute läuten hören. Dann, wenn bei ruhigem Wetter das Wasser unbewegt still ist und kein Wind es zu Wellen kräuselt.
Prüfend blickte Pit über die silbern glänzende Wasseroberfläche.
„Ich glaube“, sagte er, „heute ist so ein stiller Tag. Oder siehst du eine Welle auf dem Wasser.“
„Keine einzige“, bestätigte Pia. „Vielleicht hören wir heute die Glocken von Rungholt. Wenn wir ganz leise sind. Pssst!“
Und ganz still blickten die Geschwister übers Wasser und lauschten.
Da! Einmal war ihnen, als läuteten Glocken von weit weg. Vielleicht aber waren es auch nur die Glocken einer Kirche von der Insel Pellworm, deren Umrisse westlich im Meer aufragten, gewesen? Wer weiß?

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

13. Juli 2014 von Elke
Kategorien: Abenteuergeschichten, Naturgeschichten, Sommergeschichten, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , | 2 Kommentare

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