Als der Märchenerzähler alle Märchen vergessen hatte

Eines Tages konnte sich der alte Märchenerzähler nicht mehr an die Märchen, die er immer erzählt hatte, erinnern.

„Es war einmal, es war keinmal, es war und es ist…“ Der Märchenerzähler stockte. Er wusste nicht mehr weiter. All die Märchen und Geschichten, die er in seinem Kopf gut verwahrt hatte, waren auf einmal – wie durch einen bösen Zauber verhext – weg. Ausradiert waren sie. Vergessen.
Erschrocken rieb sich der Märchenerzähler die Augen, dann schüttelte er ratlos und auch ein bisschen ängstlich den Kopf.
„Das kann doch nicht wahr sein. Das … ist … nicht … wahr!“
Er vergrub das Gesicht in seinen Händen und schloss die Augen.
„Erinnern“, murmelte er. „Ich muss mich erinnern.“
„Niemand muss müssen und niemand kann immer funktionieren wie eine gut geölte Maschine“, raunte ihm eine fremde Stimme zu. „Versuche nicht, dich um jeden Preis zu erinnern. Auf diese Weise wirst du deine Märchen niemals wiederfinden und …“
„Es sind nicht meine Märchen“, unterbrach der Märchenerzähler die unsichtbare Fremde. „Erlernt habe ich sie alle. Mühsam erlernt. Ach!“
Er fuhr sich verzweifelt mit den Fingern durch die Haare. „Ich bin ruiniert. Ich …“
Er stockte und sah sich als jungen Mann, der einen großen Lebenstraum hatte, wieder. Schreiben. Er wollte all die Geschichten und Märchen und Ideen, die er im Kopf mit sich herumtrug, niederschreiben. Damals. Was aber hatte er stattdessen getan?
Begreifend schlug sich der Mann an die Stirn. Nichts hatte er aufgeschrieben. All seine eigenen Geschichten waren ungesagt geblieben. Niemand hatte sie je gehört oder gelesen, weil sie in seinem Kopf festsaßen.
„Erkennst du es?“, fragte da die Stimme. „Mit fremden Märchen und Geschichten hast du deine eigenen Ideen zugedeckt und sie darunter versteckt. Und nun …“
Wieder unterbrach der Mann die Stimme. „Und nun wehren sie sich“, sagte er schnell. „Sie wehren sich und begraben all mein Wissen, das ich mir in so vielen Jahren meines Lebens angeeignet habe.“
Er lächelte und sagte nur noch ein Wort: „Endlich!“
Dann nahm er Stift und Papier und gab all den ungesagten, vernachlässigten Ideen und Geschichten die Freiheit, so wie er es sich immer erträumt hatte.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

21. Juli 2014 von Elke
Kategorien: Märchen, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Hallo,

    ich arbeite als Alltagsbetreuerin mit Senioren und finde immer eine passende Geschichte für die Aktivierung meiner Senioren auf Ihrer Seite.

    Vielen Dank für die schönen Geschichten….. machen Sie weiter so.

    Liebe Grüße Manuela

  2. Danke, Manuela, für den netten Kommentar. Es ist immer schön zu lesen, dass die Kindergeschichten auch bei Erwachsenen gut ankommen, besonders bei Senioren. So macht das Ganze doch noch viel mehr Sinn.
    Lieber Gruß
    Elke

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