Pit hat Geburtstag

Rosen für alle Geburtstagskinder

Wenigstens am Geburtstag möchte Pit einmal berühmt sein und reich beschenkt werden. Aber macht es Spaß, berühmt zu sein?

„Einmal im Jahr müsste man berühmt sein“, sagt Pit oft. „Nur einmal im Jahr. Am Geburtstag.“
Viele Leute würden dann kommen und gratulieren, ganz viele: aus der Schule, aus dem Dorf und sogar aus der Stadt. Und alle würden sie etwas mitbringen, ein Geschenk, eingepackt in buntes Seidenpapier. Pit packt nämlich für sein Leben gern Päckchen aus. Ja, und dann würden sie ihm die Hand schütteln, ihn hochleben lassen und „Happy Birthday“ singen. Nur für ihn. Einmal im Jahr.
„Das wäre toll“, schwärmt Pit, als er am Abend vor seinem Geburtstag im Bett liegt. Immer wieder denkt er an die geheimnisvolle Geburtstagsüberraschung, deretwegen seine Eltern seit Tagen miteinander tuscheln.
„Ach je“, seufzt er. „Wie soll es ein schöner Geburtstag werden, wenn keiner kommt?“
Pit hat nämlich in den Ferien Geburtstag, und da sind seine Freunde meist verreist. So ein Pech! Wie gerne hätte er seinen Geburtstag mit allen Freunden gefeiert, schön mit Kakao und Kuchen, Ratespielen und Sackhüpfen, Würstchen und Kartoffelsalat. Doch wenn keiner da ist zum Mitfeiern?
„Fade ist das“, murmelt er. „Richtig fade.“
Und Pit beginnt, vor sich hinzuträumen. „Berühmt müsste man halt sein. Dann würde keiner verreisen. Nein, dann nicht.“
„Pit hat morgen Geburtstag“, sagt Patrick zu Bernd. Bernd sagt es weiter zu Babsi, Petra, Albert, Paul und Marco und den anderen aus der Klasse. „Pit hat Geburtstag“, sagt Frau Pfeifer zu Frau Berger. Sie sagt es auch zu Frau Korn und Frl. Seifengrün, und die erzählen es ihren Freundinnen und Cousinen. „Pit hat Geburtstag“, sagt Bäcker Dickmann zum Metzgermeister Kälble, und beide erzählen es auch den anderen Geschäftsleuten im Dorf. „Hört ihr, morgen hat Pit Geburtstag.“ Im Gemeindehaus herrscht Hektik. „Pit hat morgen Geburtstag“, sagt die Sekretärin zu Bürgermeister Überblick, und die Herren im Gemeinderat nicken. „Ja, Pit hat Geburtstag.“ Und alle, die davon hören, erzählen am Abend ihren Familien und Freunden: „Pit hat Geburtstag, morgen gehen wir hin zum Gratulieren!“
Man glaubt es kaum, doch die Nachricht spricht sich in Windeseile herum, in der Straße, im Dorf und sogar in der nahen Kreisstadt spitzt man die Ohren. „Pit hat Geburtstag.“
Und alle, die es hören, freuen sich. „Na dann, bis morgen!“
Pits Geburtstag beginnt mit Trubel. Morgens um sieben Uhr steht die Blaskapelle der Feuerwehr vor Pits Haus.
„Happy Birthday!“ hallt es so laut, dass Pit vor Schreck fast aus dem Bett gefallen wäre. Doch dann freut er sich:
„Juchuu! Ich habe Geburtstag!“
Seine Eltern sind auch schon wach. Pits Mutter hat einen festlich schönen Geburtstagsfrühstückstisch gedeckt, auf dem nichts fehlt: Brötchen, Ei und Marmelade, Käse und Salami und natürlich ein riesengroßer Geburtstagskuchen mit acht Kerzen und vielen kleinen bunten Seidenpapiergeburtstagspäckchen.
„Hm!“ Pit läuft das Wasser im Mund zusammen. Er weiß nicht, wo er anfangen soll. Vielleicht erst einmal eine Tasse Kakao?
Er will sich gerade einschenken, da klingelt das Telefon.
„Alles Gute zum Geburtstag.“
Es ist Onkel Ernst, und er ruft aus England an. Extra für Pit.
Pit freut sich ganz doll und geht zurück an den Frühstückstisch, doch da bimmelt es schon wieder, dieses Mal an der Haustür. Pit öffnet.
„Alles Gute zum Geburtstag“, rufen Frau Korn und Frl. Seifengrün und drücken Pit zwei kleine bunte Seidenpapiergeburtstagspäckchen in die Hand.
Pit freut sich.
Das Telefon schellt, und auch vor der Haustür stehen die nächsten Besucher, dann wieder das Telefon, der Postbote, die Leute von der Paketpost mit einem Waschkorb voller kleiner bunter Seidenpapiergeburtstagspäckchen, und wieder das Telefon und wieder und wieder.
Es ist mittlerweile elf Uhr, und Pits Magen knurrt erbärmlich, doch er findet keine Zeit zum Frühstücken, und schon gar nicht hat er Zeit, den Geburtstagskuchen anzuschneiden, die vielen Geburtstagskarten und -briefe zu lesen oder gar die unzählig vielen kleinen bunten Seidenpapiergeburtstagspäckchen auszupacken. Das Telefon klingelt, die Haustürglocke schellt, und Pit sagt „danke“, „hat mich sehr gefreut“ und „das ist doch nicht nötig“, und schüttelt Hände. Immer wieder. Den ganzen Morgen lang.
Und dann hat die Mutter den wunderschönen Geburtstagsfrühstückstisch abgeräumt und den Geburtstagsmittagstisch gedeckt. Pit sagt noch immer „danke“, „nicht nötig“, schüttelt Hände und stapelt kleine bunte Seidenpapiergeburttagspäckchen. Und das Telefon bimmelt, die Haustürglocke schellt. Dann ist’s Kaffee- und Kuchenzeit, und der Geburtstagsnachmittagskaffeetisch ist noch schöner und festlicher als der Geburtstagsfrühstücks- und der Geburtstagsmittagstisch zusammen. Und Pit sagt noch immer „danke“, „nicht nötig“ und anderes und schüttelt Hände und schüttelt Hände und schüttelt und schüttelt …
Wollt ihr wissen, was an diesem Tag noch geschieht? Und hört ihr, wie laut Pits Magen knurrt? Lauter und lauter. Krrrr!

Krrr! Brrr…!
Pit schüttelt sich und öffnet die Augen. Die Sonne scheint durch die Ritze im Fensterladen, und unten in der Küche klappert Geschirr. In Pits Bauch grummelt es, und das Wasser läuft ihm im Mund zusammen. Vor Hunger! Doch warum hat das Telefon aufgehört zu läuten? Die Haustürglocke schellt auch nicht mehr?
Verwundert reibt sich Pit die Augen. Hat er alles nur geträumt?
„Juchhu“, ruft er und springt aus dem Bett. „Ich bin gar nicht
berühmt – und heute hab ich Geburtstag. Juchhu!“
Mit Riesenschritten saust Pit ins Wohnzimmer. Dort sitzen Papa und Mama, der Opa und die beiden Omas an einem festlich geschmückten Geburtstagsfrühstückstisch mit Brötchen, Ei und Marmelade, Käse und Salami, einem riesengroßen Geburtstagskuchen mit acht Kerzen und unzählig vielen kleinen bunten Seidenpapiergeburtstagspäckchen und…
Alles Gute zum Geburtstag, Pit …!

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

15. August 2014 von Elke
Kategorien: Familiengeschichten, Freundschaftsgeschichten, Geschichten über Gefühle, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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