Das Eichhörnchen und die kostbare Zeit

Überall trifft das Eichhörnchen heute Tiere und Pflanzen, die traurig sind über das Ende des Sommers? Aber ist Herbst nicht auch schön?

„Hoffentlich treffe ich heute nicht wieder einen weinenden Apfel“, murmelte das Eichhörnchen, als es sich an diesem frühen Herbsttag auf seine tägliche Waldrunde begab.
Leise schlich es an den Apfelbäumen vorbei. Vor lauter Schleichen vergaß es, vorsichtig zu sein und stieß gegen die großen, hohen Blumen, deren Köpfe kleinen Sonnen glichen. Es hatte diese sonnigen Blumen schon oft gesehen, aber warum ließen sie heute die Köpfe hängen? Der Tag war doch so sonnig und warm und schön!
Das Eichhörnchen wunderte sich.
„Wenn ich es nicht besser wüsste“, murmelte es, „würde ich sagen, sie trauern. Aber warum nur?“
Traurige Sonnen? Hm!
Das Eichhörnchen machte, dass es weiter kam. Mit Traurigkeit hatte es heute nichts am Hut!
Unterwegs traf es noch viele Blumen und Sträucher, die – irgendwie – auch ihre Köpfe hängen ließen.
Manche hatten vor Gram braune und graue Farben angenommen, und das, ja, das sah nun wirklich sehr traurig aus.
Schnell eilte das Eichhorn weiter.
Es kam zur alten Burgruine. Schwalben, viele, unzählig viele umkreisten den Burgturm. Aufgeregt tanzten sie durch die Luft, drehten abenteuerlich anmutende Pirouetten, schrieen einander mit grellen Stimmen Befehle zu, stiegen in Scharen von Bäumen auf. Eine laute, graue Schwalbenwolke.
Tss! Das Eichhörnchen schüttelte den Kopf. So kannte es seine Schwalbenfreunde nicht. Wie Fremde waren sie heute. Aber warum regten sie sich so auf?
„Herbst ist! Der Sommer ist fort gegangen. Wir folgen ihm. Schnell! Wir müssen auch gehen, äh, halt, fliegen natürlich. Nach Süden. Hörst du? Halt, Unsinn! Hört ihr? Kommt! Schnell schnell! Treffpunkt Burgturm. Noch heute Abend geht’s weiter in den Süden. Hört ihr? Hört hört!“
Wild und laut riefen sie einander aufgeregte Worte zu.
„Ich will nicht in den Süden fliegen“, schluchzte eine jüngere Schwalbe. Sie saß auf dem Ast der Linde unterhalb der Burg. „Hier bleiben will ich. Und hier bleiben soll auch der Sommer! Ach, ich bin ja so traurig!“
Traurig? Nicht schon wieder…
„Auch Herbst ist schön! Warum könnt ihr euch nicht einfach an diesem wundervollen Sonnentag erfreuen?“, rief das Eichhörnchen laut. „Die Zeit lässt uns nicht viel Zeit. Umso kostbarer ist sie. Hört ihr?“
Es lauschte.
Für einen kleinen Moment war es still geworden ringsum. Sehr still. Aber nur für einen klitzekleinen Moment.
© Elke Bräunling

Sonnenblumentrauer - Abschied
Sonnenblume in Abschiedstrauer

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

02. September 2014 von Elke
Kategorien: Geschichten über Gefühle, Herbstgeschichten, Naturgeschichten, Sommergeschichten, Tiergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert


%d Bloggern gefällt das: