Der kleine Bär und die Silberfäden im Herbst

Der Herbst beginnt spannend – und auch etwas verwirrend – für den kleinen Bären. Was, überlegt er sich, sind das für silbern glitzernde Fäden überall im Wald und auf der Wiese?

„Nanu?“ Verwundert stand der kleine Baer an einem Herbstmorgen am Rande der Waldwiese. Die glitzerte und glänzte hell im Licht der ersten Sonnenstrahlen. Viele Silberfäden, tausend und noch mehr, hatten sich über Gräser und zwischen die Wiesenkräuter und -blüten gelegt. Es war, als verzierten sie die Wiese mit Schmuckbändern und Perlenketten. Schön sah das aus.
Der kleine Baer staunte. Er zögerte. Dann betrat er vorsichtig die Waldwiese, die sich in eine Zauberwiese verwandelt hatte, und griff nach diesen fremdartigen Fäden.
Aber was war das? Die seltsamen Fäden blieben in seinem Fell hängen. Sie klebten richtig. Erschrocken pulte der kleine Bär sie aus seinem Bauch und aus Armen und Beinen. Sie glänzten jetzt gar nicht mehr schön.
„Hey, geht weg!“, rief der kleine Bär.
Doch nichts geschah. Nur die Sonne verschwand hinter einer Wolke und nahm all den Silberzauber ringsum mit.
Ratlos war der kleine Bär nun. Und die Silberfäden klebten weiter in seinem Fell.
„Wer seid ihr und was wollt ihr von mir? Warum hängt ihr euch an mir fest?“
Der kleine Bär rief noch viele Fragen in den Morgen hinaus, doch Antworten bekam er keine. Da rannte er wütend über die Wiese, ließ sich fallen, kugelte sich, schlug Purzelbäume und wälzte sich im nassen Gras. Er tobte und lachte und rannte rannte rannte weiter und immer weiter. Gleich fühlte er sich besser und der Ärger über die seltsamen Silberfäden verschwand. Gerade, als er wieder Anlauf nahm, um erneut über die Wiese zu jagen, hörte er Stimmen. Viele unsichtbare, klagende, in hohen Tönen sirrende Stimmen.
„Halt ein!“, riefen sie im Chor. „Du zerstörst unsere Netze allüberall hier auf der Wiese.“
„Netze? Wer seid ihr und was wo seid ihr?“, rief der kleine Bär wieder.
„Hier sind wir“, antworteten die fremden Stimmen. „Spinnen sind wir und überall triffst du uns in diesen Herbsttagen. Siehst du nicht unsere Netze überall zwischen Gräsern, Blumen, Sträuchern, Ästen und Steinen? Sie sind …“
„Ach so“, unterbrach der kleine Baer sie. „Diese Silberfäden sind Fangnetze?“
Er war ein bisschen enttäuscht. Dann fügte er hinzu:
„Ich wollte euch nicht stören, aber ich dachte, ein Zauberer wäre hier gewesen und …“
Er kam nicht weiter, denn in diesem Moment lugte die Sonne wieder hinter der Wolke hervor, und sogleich funkelten all die Silberfäden der Spinnennetze wieder mit der Sonne um die Wette.
„Oooh! Da seid ihr ja wieder! Wie schön es hier ist. Sooo schön!“, rief er, und leise fügte er hinzu: „Wer hätte gedacht, dass ihr Spinnen so etwas wie Zauberer seid!“
Ja, wer hätte das gedacht? Du etwa?

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

03. September 2014 von Elke
Kategorien: Geschichten über Gefühle, Herbstgeschichten, Naturgeschichten, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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