Die Kastanien und der Herbstwind

Wenn die erste Kastanie am Boden liegt, weiß jeder: Jetzt ist der Herbst da. Und dabei würden die Kastanienfrüchte noch so gerne so lange an ihren Plätzen in den Bäumen bleiben

„Ha! Ihr kriegt uns nicht!“
„Niemand kann uns vom Baum stehlen und aufessen.“
„In unserer Stachelhülle sind wir geschützt.“
„Das Leben ist schön und wir können es ohne Furcht genießen.“
„Uns droht keine Gefahr. Wir sind sicher. Hoho!“
Fröhlich und ein bisschen übermütig reckten die Kastanien ihre Stachelköpfe von der Baumkrone aus der Sonne entgegen. Es schien fast, als lachten sie die Vögel und die Eichhörnchen, die im Baum auf Futtersuche unterwegs waren, aus. Sie jubelten lange, doch die Waldbewohner interessierte das wenig. Schon gar nicht die Vögel, denn die machten sich nichts aus Kastanien. Nur das Eichhörnchen, das an seine fehlenden Wintervorräte dachte, schmunzelte.
„Man wird sehen“, murmelte es und wartete.
Doch da war ein anderer, der sich ein bisschen über diese vorlauten Kastanienfrüchte ärgerte. Es war der Herbstwind, der mit einer lauen Brise über die Bergkämme strich und den Späßen der vorwitzigen Früchten lauschte.
„Wartet, ihr Früchtchen“, sirrte er den Kastanien zu. „Da ist doch einer, den ihr fürchten solltet. Bald seid ihr reif!“
Er meinte dies so, wie er es sagte, und eines Nachts brauste er mit heftigen Böen übers Land. Er brauste durch Straßen und Täler, jagte über Dächer und Berghöhen und fegte in die Kronen der Bäume. Und wild bogen sich diese unter der Macht des Windes. Ihre Zweige peitschten hin und her und ihre Stämme stöhnten.
Der Herbstwind genoss dieses Schauspiel.
„Hey! Ha! Hooo!“, rief er. „Ho! Hooo!“
„Hey! Halt! Aufhören!“, heulten die Kastanien. „Halt ein, Wind! Wir können uns nicht mehr an unseren Zweigen festhalten. Sei bitte nicht zu wild!“
„Hey! Ha! Hooo!“, rief der Wind wieder. Er lachte. „Ho! Hooo! Es ist Herbst und ich tue meinen Job. Tut ihr auch euren. Ihr seid reif!“
Er pustete noch ein wenig heftiger auf die Bäume ein, bis die Kastanien – und auch die Eicheln, Bucheckern und Nüsse – sich nicht mehr in den Bäumen halten konnten. Wie dicke Regentropfen fielen sie aus den Baumkronen. Ihre schützenden Hüllen platzten auf und eine Kastanie nach der anderen kullerte auf den Waldboden.
Da lagen sie nun, traurig, wütend und ein bisschen erschrocken. Und ganz ohne ihre stachelige Schutzhülle.
„Bist du nun zufrieden, Wind?“, rief eine Kastanie in den Himmel hinauf. „Sag, was wird nun aus uns?“
Der Herbstwind aber antwortete nicht. Er tobte längst über einem anderen Teil des Landes. Es war schließlich Herbstzeit.

© Elke Bräunling

Eine kürzere Fassung dieser Geschichte findest du hier: Als der Herbstwind mit den Kastanien spielte

Da liegen sie neben ihren Stachelhüllen – Esskastanien, auch Maronen genannt

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

08. September 2014 von Elke
Kategorien: Herbstgeschichten, Naturgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | 6 Kommentare

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