Der kleine Bär und der Kartoffelzwerg

Auf dem Kartoffelfeld ist nach der Ernte mächtig ‚was los. Ganz schön ins Schwitzen kommt der kleine Bär

Was war los drüben im Kartoffelfeld? Der kleine Bär, der für Mama Bär Pilze sammelte, horchte auf.
Ein klitzekleines, erdbraunes, kugelbauchiges, kahlköpfiges Männlein mit einem runzeligen Faltengesicht stand auf einem Feldstein. Es schimpfte und meckerte und ruderte mit den Armen.
„Wer bist du und warum bist du so aufgeregt?“, fragte der kleine Bär.
„Der Kartoffelzwerg bin ich. Und Hilfe brauche ich. Ist doch klar.“
„Klar.“
„Nichts ist klar“, schimpfte der Zwerg, der eben noch ‚ist doch klar‘ gesagt hatte. „Man hat mir mein Kartoffelvolk gestohlen. Ich bin so traurig – huhu – und … und du musst mir jetzt helfen.“
Das Männlein krabbelte auf die Schulter des Bären und nahm darauf Platz. Es deutete auf den Korb mit den Pilzen.
„Wirf diese Dinger weg! Schnell! Du musst meine Leute retten, bevor die Menschen zurückkommen.“
„Deine Leute?“ Der kleine Bär sah sich um. „Ich sehe niemanden.“
Das Männlein stöhnte auf. „Die Kartoffeln sind meine Leute. Das habe ich dir doch schon erklärt.“ Es deutete auf die Ackerfurchen. „Hier liegen noch einige von ihnen. Sammle sie auf und lege sie in deinen Korb. Wir müssen sie vor der Sonne schützen.“
Der kleine Bär starrte auf ein ein paar kleine, erdfarbene, Knollen. „Meinst du diese hässlichen kleinen Dinger?“
„Aber ja doch. Meine Kartoffeln. Den ganzen Sommer habe ich sie beschützt und mit Zauberstaub bestreut. Damit sie schneller wachsen.“
„Na ja“, meinte der kleine Bär. „Sie sind aber nicht besonders groß geworden.“
„Das ist doch das Problem!“ Der Kartoffelzwerg hüpfte nervös auf der Schulter des kleinen Bären auf und ab.
„Was für ein Problem?“
„Die Menschen“, kreischte der Zwerg. „Sie haben die großen, schön gewachsenen Kartoffeln aus der Erde gerissen, eingesammelt und mitgenommen. Nur die Kartoffelkinder sind übrig geblieben. Schnell! Schnell! Wir müssen sie einsammeln und an einen sicheren, dunklen Platz bringen. Sonst bemalt die Sonne ihr wunderschönes braunes Kleid mit grüner Farbe.“
„Grün ist doch auch ganz nett.“ Dem kleinen Bären wurden diese seltsamen Sorgen des Kartoffelzwerges ein wenig zu viel.
„Grässlich ist es, das Grün.“ Wieder begann der Zwerg, auf der Bärenschulter herumzuhüpfen. „Es macht sie giftig und ungenießbar und …“ Gar nicht mehr aufhören mit dem Erklären konnte der Zwerg.
„Schon gut, schon gut“, brummte der kleine Bär. Er begann, die vergessenen kleinen Kartoffelknollen einzusammeln und in seinen Pilzkorb zu legen.
„Und nun?“, fragte er mit einem tiefen Schnaufer. Es war nämlich gar nicht so einfach, Kartoffeln einzusammeln.
„Nun müssen wir einen dunklen, warmen Platz zum Überwintern finden. Aber schnell! Es liegen noch viele Kartoffelkinder auf dem Feld. Sie alle müssen wir heute noch einsammeln.“
Der kleine Bär stöhnte. „Heute? Alle?“, fragte er entsetzt.
„Klar“, meinte der Kartoffelzwerg und lehnte sich zu einem Schläfchen an den kuscheligen Bärenhals. „Nun mach schon!“
Der kleine Bär stöhnte noch einmal auf, dann trabte er los in den Wald zur Bärenhöhle.
‚Pilze sammeln‘, dachte er, ‚wäre weniger anstrengend gewesen. Und was würde Mama Bär zu diesen seltsamen Dingern, die der Zwerg Kartoffeln nannte, sagen? Schimpfen würde sie und „Du solltest Vorräte für den Winter sammeln, kleiner Bär“ sagen‘.
„Kann man diese Kartoffeln denn wenigstens essen“, fragte er den Zwerg vorsichtig.
Der Zwerg kicherte. „Die großen schon. Sie schmecken köstlich – doch die sind ja nicht mehr da.“
„Und die kleinen?“, fragte der kleine Bär.
„Die brauchen wir für nächstes Jahr. Wir legen sie im Frühjahr in die Erde und ich bestreue sie mit meinem Zauberstaub, ja, und dann habe ich bald ein neues Kartoffelvolk.“
Hm. Dazu sagte der kleine Bär nichts mehr. Er hatte noch genug zu tun mit an diesem Nachmittag. Aber vergessen würde er ihn nie, jenen Tag im frühen Herbst, an dem er ein wenig zu neugierig gewesen war.
© Elke Bräunling

Eine kürzere Fasssung dieser Geschichte findest du hier: Der kleine Bär hilft dem Kartoffelzwerg

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

25. September 2014 von Elke
Kategorien: Herbstgeschichten, Naturgeschichten, Spaßgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | 3 Kommentare

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