Der kleine Stern und das wunderzarte Lied

Aufgepasst! In jenen Tagen des späten Herbstes sind – manchmal – kleine Himmelswesen unterwegs. So auch der kleine Stern. Psst!

Auf der Suche nach Kindern, die mit Laternen durch die Straßen zogen, landete der kleine Stern in einer engen Gasse. Dunkel war es hier. Der kleine Stern wunderte sich. Hatte er sich in der Straße geirrt oder gar in der Stadt? Vom Himmel aus hatte er doch die vielen kleinen Lichtpünktchen gesehen, die wie Sternchen aussahen und die ihn zu diesem Abenteuer gelockt hatten. Wohin waren sie verschwunden? Oder war er vielleicht zu spät?
Da hörte er Gesang. Ein Kind sang ein Lied von einem Sternchen.
Der kleine Stern spitzte die Ohren. Schön war das Lied! Wunderzart schön!

Sternchen, Sternchen, flimmere, strahle!
Schick dein Lächeln in die Welt!
Sternchen, Sternchen, blinke, male,
Lichter an das Himmelszelt.
Schicke deinen Sternenschimmer
in der Nacht zu mir ins Zimmer.
Schicke deinen Sternenschimmer
bitte auch zu mir ins Zimmer.

Wie staunte da der kleine Stern! Es war sein Lied, das das Kind sang!
„Es stimmt“, murmelte er. „Ich bin es, der kleine, helle, lachende Stern.“
Neugierig folgte er den Klängen des Liedes. Und dann sah er das Kind. Es saß am Fenster eines Hauses, dessen Fassade im Dunkeln lag. Kein Licht erhellte die Zimmer in diesem Haus. Das Lied aber machte das Dunkel heller als alle Lichter, die man sich vorstellen konnte.
„Licht kann man also auch hören!“, murmelte der kleine Stern.
Er freute sich, dass er wieder etwas gelernt hatte. Von den Menschen konnte man so mancherlei erfahren und lernen. Dinge, die man in der Himmelswelt nicht kannte. Musik, die leuchtete, zum Beispiel. Ein Lied, das eine dunkle Straße erhellte.
„Wie schön!“, sagte er. „Wie wunderzart schön!“
Und weil er sich sehr freute, sandte er einen leisen, klitzekleinen Sternenlichtstrahl zum Fenster des Kindes hinauf. Dieser klitzekleine Sternenlichtstrahl traf genau auf eine kleine Sternenlaterne, die vor dem Kind auf dem Fensterbrett stand.
„Oh, meine Laterne leuchtet hell! Danke!“, rief das Kind. „Und morgen gehen wir zum Laternenzug. Kommst du auch, kleiner Stern?“
Der kleine Stern, der noch nie von einem Kind eingeladen worden war, zitterte ein bisschen mit seinen Sternenzacken. Vor Freude. Und mit einem Freudenlichterflimmern hauchte er sein „Dankeschön!“ in die Nacht.
„Danke! Ja! Ich werde kommen“, rief er. „Laternenzug! Das klingt wie Sternenzug. Wie schön!“
„Ich muss nun schlafen, kleiner Stern“, sagte das Kind. „Es ist schon spät.“
Und ehe der kleine Stern darauf etwas erwidern konnte, hatte das Kind schon den Klappladen vor seinem Fenster geschlossen und in der Straße war es wieder dunkel.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

29. Oktober 2014 von Elke
Kategorien: Gutenachtgeschichten, Herbstgeschichten, Märchen, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | 10 Kommentare

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