Schneeflockengeflüster

Wenn Schneeflocken reden könnten!

Müde saßen die Schneeflocken in ihrer dicken Schneewolke. Oft schon hatten sie in diesem Winter die Reise auf die Erde angetreten, und ebenso oft wurden sie von der Sonne wieder aufgetaut, zurück in den Himmel hinauf gesogen und in einer Wolke eingesammelt.
„Ich kann nicht mehr“, sagte eine größere Flocke, und weil sie so müde war, fing sie an zu weinen. „Wieder und wieder musste ich auf die Erde rieseln, doch dort hatte ich nie Zeit, mich auszuruhen. Einmal fiel ich in einen Fluss, und der trug mich weit aufs Meer hinaus. Dann kam die Sonne und hat mich wieder mit ihren Dämpfen zur Wolke hinauf gesaugt. Ein anderes Mal hat sie mich auf einem Auto erwischt, dann auf einer Tannenspitze, und wieder ein anderes Mal purzelte ich von einer Menschennase auf die Straße und landete mit vielen anderen Kollegen auf der schmutzigen Straße. Das war sehr unangenehm. Brrrrr…“ Sie schüttelte sich. „Aber immer wieder hat mich die Sonne mit ihren Dunststrahlen zum Himmel zurückgeholt. Was für ein Stress!“
„Ich bin mit vielen Kollegen auf einer Wiese gelandet“, erzählte eine andere Flocke. „Schön war es dort, aber dann kam ein Kind. Es hat aus uns einen Schneeball geformt und – klatsch – an den Wegrand geworfen. Dort war der Boden noch nicht zugefroren, und so sind wir tief in die Erde hinuntergesickert. Es war sehr finster da, und wir haben uns schnell aufgemacht, aus dem Dunkel wieder herauszufinden.“
„Und?“, fragte eine kleine Flocke aufgeregt. „Hat es geklappt?“
„Klar“, brummte die Flocke. „Sonst wäre ich nicht hier. Quelle nennen die Menschen den Wasserweg aus der Erde. Aus dieser Quelle gelangten wir in einen kleinen Bach. Da war es schön, doch bevor ich mich richtig ausruhen konnte, hatte mich die Sonne, das Biest, bereits wieder am Wickel, und so bin ich im Nebeldunst wieder hier oben gelandet. Und jetzt bin ich müde!“
„Ich auch!“ „Ich auch!“ „Und ich erst!“ riefen die Schneeflocken von allen Seiten, und jede erzählte seine Erlebnisse auf der Erde.
„Die Sonne ist Schuld“, sagte plötzlich eine Flocke. „Sie stört uns auf der Erde beim Ausruhen und schickt uns zu den Wolken zurück.“
„Du hast Recht“, rief der große Tropfen. „Wir müssen in einem fort schneien und schneien, während die Sonne in Wolkenpausen am Himmel steht und mit ihren warmen Strahlen lacht. Eine Gemeinheit ist das!“
„Eine Riesengemeinheit!“ Die Schneeflocken waren empört. „Das lassen wir uns nicht mehr gefallen!“
„Wir müssen einen Plan schmieden!“
„Ja, nun werden wir die Sonne einmal ärgern.“
Aufgeregt redeten alle durcheinander. Während sie noch überlegten, hatte sich ihre Schneewolke vor die Sonne geschoben, und ehe die Flocken wussten, wie ihnen geschah, öffnete die Wolke ihre Pforten, und alle Flocken purzelten wieder durch die Luft der Erde entgegen. Ja, und wenn sie nicht gestorben sind, so purzeln sie noch heute…

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

24. Januar 2015 von Elke
Kategorien: Naturgeschichten, Traumgeschichten, Wintergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Süße Geschichte, gefällt mir gut. Leider kann ich Dir nicht folgen, ich selbst bin auf wordpress.com, liegt es vielleicht daran? Du findest mich als http://www.flowngrow.wordpress.com.

  2. Seltsam, die Followerfunktion klappt einwandfrei.
    Sonntagsgruß
    Ele

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