Der (un)vergessene König

Als der traurige König sehr viel Angst vor dem Vergessen hatte und wie ein kleines Blümchen ihm half

Es war einmal ein König, der von seinem Volk sehr geliebt wurde. Für jeden seiner Untertanen hatte er stets ein offenes Ohr. Wo Not herrschte, half er. Aus seinem Land hatte er ein helles Land mit glücklichen Bewohnern gemacht. Fröhliches Lachen und Freundlichkeit verdrängten Nöte, Ängste und Klagen.
Weil sich die Menschen hier wohl behütet und geachtet fühlten, ging ihnen die Arbeit auf Wiesen und Feldern, in Dörfern, Städten und Wäldern so leicht von der Hand, dass sie ihre Familien gut ernähren und auch ihrem König pünktlich und auf den Taler genau den Zins bezahlen konnten. Ein wohlhabendes Land war aus des freundlichen Königs Land geworden.
Trotzdem lagen unsichtbare dunkle Wolken über der Königsburg. Immer mehr nämlich lebte der König in der Angst, vergessen zu werden. Jeden, den er traf, bat er deshalb zum Abschied:
„Vergiss mich nicht!“ oder, wenn es mehrere Leute waren, „Vergesst mich nicht!“
Und aus den Augen des traurigen Königs, die von einem hellen Blau waren, tropften zwei glasklare Tränen.
Immer, wenn der König dies sagte – und er sagte es viele Male am Tag -, erschraken alle. Es klang so traurig, dieses „Vergiss-mich-nicht!“.
„Nie werden wir Euch je vergessen, edler König!“, versicherten ihm seine Untertanen ebenso wie seine Verwandten und Bekannten. Selbst die Könige der Nachbarländer ließen ihn immer wieder wissen, dass sie an ihn denken und ihn niemals vergessen würden.
Doch nichts half.
Immer trauriger und ängstlicher wurde der König und immer mehr fürchtete er sich vor dem Vergessen.
Doktoren, Gelehrte, Kirchenleute und Zauberer aus aller Welt wurden von der besorgten Königsfamilie zu Rate gezogen, und die hatten auch viele gute Ideen, wie man dem König helfen könnte. Kein Ratschlag aber half.
„Vergiss mich nicht!“, sagte der König, wenn sich wieder einer jener weisen Ratgeber verabschiedete, und wischte sich zwei Tränen aus den Augenwinkeln.
„Gewiss nicht, Majestät“, antwortete jeder der so traurig Verabschiedeten und wischte sich auch zwei Tränen von den Wangen.
Von Jahr zu Jahr wurde der König ängstlicher und trauriger. Aus Angst, vergessen zu werden, vermochte er fast nicht mehr zu schlafen. Ruhelos ritt er in jenen Nächten durch die Dunkelheit übers Land und suchte danach, die Angst vor dem Vergessen zu vergessen.
Große Sorgen machte sich sein Volk und ein dumpfer grauer Schleier legte sich immer tiefer über das einst fröhliche und glückliche Land. Wie sollte man auch sein Leben sorglos und heiter genießen, wenn man um den Kummer des geliebten Königs wusste? Zu gerne wollten die Untertanen ihrem Herrn helfen. Aber wie?
Freudlos und voller Sorgen verging die Zeit.
Eines besonders grauen Spätsommertages zog ein Gärtnergeselle auf seiner Wanderschaft durch das Dorf, das am Fuße der Königsburg lag. Er machte in der Dorfschänke Rast, trank einen Krug Wein und aß mit gutem Appetit Wurst und Brot.
Wanderer waren im Dorf immer willkommen. Galt es doch, durch sie Neuigkeiten aus der Welt zu erfahren. Man erhoffte sich auch ein leises Bisschen, doch noch eine Medizin oder einen Rat zu erhalten, der dem König und dem Land gegen die grauen Kummerwolken zu helfen vermochte.
„Man hat mir gesagt, euer Land sei ein fröhliches und glückliches Land“, sagte der Gärtnergeselle nun. „Allein, Ihr alle seht nicht fröhlich aus. Woran liegt es?“
Man sah es ihnen also schon an? Die Leute wischten sich je zwei Tränen aus den Augenwinkeln, dann erzählten sie dem Fremden von den Sorgen um ihren König.
Der blickte nachdenklich drein, dann lächelte er.
„Vielleicht kann ich euch helfen“, sagte er. „Allerdings muss ich zuerst meine Meisterin, die ehrwürdige Frau Blumenfee, aufsuchen. „Gebt mir ein Pferd, und für die Meisterin ein Fass guten Weins, drei Würste und zwei Schinken! Ich werde eiligst zu euch zurückkehren und Hilfe bringen.“
Wie sie es gewohnt waren, glaubten die Dorfbewohner auch dieses Mal an das Gute im Menschen und gaben ihm die gewünschten Dinge.
Ihr Vertrauen wurde belohnt. Wenige Wochen später kehrte der Gärtnergeselle zurück, bepackt mit Säcken voller Samen.
„Sät diese Blumen überall aus: rund um die Königsburg, im Park und an den Rändern des Waldes, in euren Gärten, auf Wiesen, Feldrändern und freien Plätzen im Dorf“, sagte er. „Und beeilt euch! Bald ist Winter, und den gilt es für euch, nochmals in Geduld auszuharren.“ Er lächelte geheimnisvoll. „Wartet bis zum nächsten Frühjahr, dann wird sie tausendfach erblühen, die kleine Wunderblume.“
Die Leute sahen den jungen Mann zweifelnd an. Ob er sie nicht etwa doch betrügen wollte?
„Wie heißt sie denn, deine Wunderblume?“, fragte einer.
„Vergissmeinnicht“, antwortete der Gärtnergeselle und er lächelte wieder.
Da lächelten auch die Leute. Bestimmt würde auch ihr trauriger König bei einer Blume diesen Namens seine Angst vor dem Vergessen vergessen.
Und wie diese Geschichte weitergeht, kannst du dir nun denken.
Eines sei noch verraten: Im nächsten Frühjahr tauchten Abertausende von Vergissmeinnichtblüten das Land rund um die Königsburg in zauberzarte himmelblaue Wolken. Es war das Blau, das die Leute von den traurigen Augen ihres Königs her kannten. Nur blickten dessen Augen beim Anblick der tausendfachen „Vergiss-mich-nicht“-Grüße der Vergissmeinnichtblüten nun gar nicht mehr traurig drein. Wie sollten sie auch?
Und wenn sie nicht gestorben sind, so blühen die Vergissmeinnichtblüten auch heute noch in jedem Frühjahr strahlend himmelblau und senden ihr „Wir-vergessen-nicht“ in den Tag hinein.

© Elke Bräunling

Vergissmeinnichtblüten, ein „Blaublumenmeer“

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

28. Januar 2015 von Elke
Kategorien: Frühlingsgeschichten, Geschichten über Gefühle, Gutenachtgeschichten, Mutgeschichten, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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