Ein wundersamer Frühlingstag

Einmal stand ein fremder Junge auf dem Marktplatz und alle wussten es auf einmal: Er ist der Frühling

„Frühling! Hallooo! Wo bist du?“
Laut drang der Ruf über den Marktplatz des kleinen Städtchens.
Die Leute, die es eigentlich immer alle sehr eilig hatten, hielten erstaunt inne. Sie blickten zur Mitte des Platzes hinüber. Ein kleiner Junge stand da, hielt die Hände wie einem Trichter vor seinen Mund und rief: „Frühling! Hallooo! Wo bist du?“
„So etwas aber auch!“, murmelte ein Mann. Er hielt inne, schaltete sein Handy aus und sah zu dem Jungen hinüber. Die Frau mit den Einkaufstüten hinter ihm tat es ihm nach. Sie blieb stehen und lauschte den Rufen des kleinen Jungen. Ihrem Beispiel folgten ein älteres Ehepaar, eine Touristengruppe, Mütter, die ihre Kinder vom Kindergarten abgeholt hatten, Lehrer Meier, der mit seiner Klasse unterwegs war, und immer mehr Passanten, die des Wegs kamen.
Alle machten sie Halt und starrten wie gebannt auf den fremden Jungen. Selbst der Bürgermeister unterbrach eine wichtige Ratssitzung und blickte mit seinen Mitarbeitern vom Rathausbalkon auf den Platz hinunter. Die Fenster der Häuser rund um den Marktplatz hatten sich geöffnet und Leute starrten den kleinen Jungen an.
„Frühling! Hallooo! Wo bist du?“
Der Junge war fremd in der Stadt, und doch glaubten alle, ihn von irgendwoher zu kennen. Verwundert und wie verzaubert sahen sie ihn an. Lieb sah er aus mit dem lindgrünen Hemd, der veilchenblauen Latzhose, den langen, sonnenhellen Locken und den Kirschblütenzweig, den er unter dem Arm festgeklemmt hielt.
„Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, der kleine Knabe sei der Frühling persönlich“, meinte eine Frau.
„Seltsam, genau das gleiche habe ich eben auch gedacht“, stimmte ein Mann zu.
Dann nickten alle fast gleichzeitig zustimmend. Sie hatten dasselbe oder zumindest sehr ähnlich gedacht. Doch es war seltsam: Niemand kam auf den Gedanken, den fremden kleinen Jungen anzusprechen. Es war, als hielt sie eine unsichtbare Macht davon ab.
„Frühling! Hallooo! Wo bist du?“, rief der Fremde noch einmal.
„Hier!“, antwortete ein kleines Mädchen, das im Kindergarten gerade ein altes Frühlingslied gelernt hatte. „Du bist doch hier, Frühling!“ Und es fing an, das Frühlingslied zu singen: „Es tönen die Lieder, der Frühling kehrt wieder, es spielet der Hirte auf seiner Schalmei. La lalalalalalal lala la lalalalalalaaa…“
In diesem Augenblick streichelte ein sanfter, süß duftender, warmer Wind die Gesichter der Leute und die Sonne ließ ein paar Strahlen durch eine Wolkenlücke mitten auf den Marktplatz blinzeln. Und auf einmal schien es, als sei der Frühling in die kleine Stadt gekommen.
Ein Lächeln stahl sich in die Gesichter der Menschen, und einige summten die Melodie des gerade wiederentdeckten Frühlingsliedes mit: „Es tönen die Lieder, der Frühling kehrt wieder, es spielet der Hirte auf seiner Schalmei. La lalalalalalal lala la lalalalalalaaa…“
Heller war es in der Kleinstadt geworden, fröhlicher und wärmer, und das fühlte sich sehr gut an. Dankbar sahen die Leute wieder zur Platzmitte hinüber, doch der fremde kleine Junge war verschwunden.

© Elke Bräunling

In einer kürzeren Fassung findet ihr diese Geschichte im Blog „Kindergeschichten“: Ein wundersamer Frühlingstag und hier im Buch: Geschichten vom FRÜHLING

Buch: Hör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte vom Frühling: Frühlingsgeschichten
Ebook: Hör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte vom Frühling

Information


Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

28. Februar 2015 von Elke
Kategorien: Frühlingsgeschichten, Geschichten über Gefühle, Gutenachtgeschichten, Naturgeschichten, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , | 1 Kommentar

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