Der Drache im Tümpel

Eine Sommergeschichte von Ferien, Langeweile, Hunden, Hexen und einem gefährlichen Drachen

Einen Ferientag würden wir, meine Schwester Lena und ich, nie vergessen. Es war der Tag, an dem wir den Hirtenjob bekamen und Hüna, die Hirtenhündin der Kniesigs, hüteten. An jenem Tag fühlten wir uns besonders öde und trödelten unlustig durchs Dorf. Unterwegs trafen wir die Kniesigs, die gerade in die Stadt fahren wollten. Im Auto saß Hüna und sah uns traurig an. Sie mochte nämlich nicht gerne artig im Auto sitzen und in die Stadt mochte sie schon gar nicht.
„Ach, wisst ihr was?“, sagte Frau Kniesig fröhlich zu uns. „Hüna bleibt hier, und ihr hütet sie. Wollt ihr?“ Und dann gab sie uns auch noch fünf Euro. „Als Hütelohn“, sagte sie.
Da freuten wir uns natürlich, denn wir mochten Hüna sehr. „Eigentlich müssten wir Geld bezahlen, damit wir mit Hüna spielen dürfen, oder?“, flüsterte Lena mir zu.
Ja, eigentlich schon. Wir beschlossen, so zu tun, als sei es die anstrengendste Sache der Welt, einen großen Hund wie Hüna zu hüten. Dann erklärten wir uns natürlich mit dem Hütejob einverstanden.
Unsere Eltern freuten sich nicht so sehr über den Job.
„Hüna ist so ein lebhafter Hund“, sagte Mama und sie hatte gleich Angst um die Möbel.
Und Papa schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Was habt ihr wieder ausgeheckt?“, rief er. „Ausgerechnet dieses Hundemonster!“ Mehr traute er sich nicht zu sagen, denn Herr Kniesig ist Papas Chef.
Hüna benahm sich eigentlich wie eine richtig feine Hundedame, und es passierte fast nichts mit den Möbeln. Nur ein Stuhl fiel um. Die Stehlampe konnten wir auch auffangen, bevor sie kippte. Gut, Mamas alte Lieblingsjazzplatte bekam ein paar Kratzer ab, als Hüna versuchte, die tanzende Platte zu fangen. Doch ehe Mama etwas merkte, räumten wir die Platte schnell weg. Was konnte Hüna auch dafür? Bestimmt hörten die Kniesigs nur CDs. Ja, und die Sache mit dem Himbeerpudding war schließlich auch nicht Hünas Schuld. Sie konnte nicht wissen, dass der Pudding nicht ihr Mittagessen war. Doch als sie im Garten die Erdbeerableger ausgebuddelt und das Kräuterbeet zertrampelt hatte, warf uns Mama dann doch hinaus.
„Geht mit Hüna spazieren!“, schimpfte sie. „Und lasst euch so schnell hier nicht wieder blicken mit diesem tapsigen Zottelbär.“
Phhh! Beleidigt trotteten wir davon. Arme Hüna!
Wir beschlossen, einen Spaziergang zu machen. Am Ufer des Hexenlochs, einem schmutzigen Tümpel, entdeckten wir einen alten Kahn. Wer den wohl hier festgebunden hatte? Hexen vielleicht?
Vorsichtig schlichen wir näher. Papa hatte uns verboten, zum Hexenloch zu gehen, weil es da so gefährlich war. Außerdem sollte es hier spuken. Nachts. Doch jetzt war heller Tag, die Sonne schien, und der Kahn lockte. Was war schon dabei, mal kurz hinein zu steigen? Wir zögerten, dann siegte die Neugier und wir kletterten in den Kahn.
Zuerst schaukelten wir gemütlich hin und her und sonnten uns. Dann spielten wir. Wir stellten uns vor, wir seien entführte Bürgermeistertöchter, die von einem wilden Drachen bewacht wurden. Wir armen Bürgermeistertöchter mussten versuchen, dem Drachen zu entkommen.
Hüna war ein grausamer Drache. Sie versperrte uns den Weg wie ein richtiger Bewacher. Wir weinten und klagten, wir bettelten um unser Leben, doch der böse Drache war unerbittlich. Je lauter wir heulten, desto stürmischer verteidigte er die Stellung, schlug mit den Pfoten auf uns ein und leckte uns von Kopf bis Fuß ab. Hüna freute sich schrecklich, ein fürchterlicher Drache zu sein.
„Wir müssen dieses Ungeheuer besiegen“, schrie Lena.
„Jawohl. Auf Leben oder Tod!“
„Auf Leben oder Tod!“, johlten wir und begannen, mit dem Kahn hin und her zu schaukeln. Immer mehr, hin und her und hin und her.
Der Kahn schwappte hoch und höher und neigte sich zur Seite. Wasser spritzte hoch, wir kreischten vor Vergnügen, und der Drache begann, laut und schaurig zu heulen: „Oauuu! Oauoauauuuu!“
„Hiiilfe!“, brüllten wir. „Rettet uns vor dem Drachen! Zu Hilfe!“
Und weiter ging es, immer mehr, hin und her. Ja, diesen grausamen Drachen würden wir besiegen.
„Auf ihn!“ Mit lautem Gebrüll stürzten wir uns auf Hüna. Die sah uns verdutzt an. Dann hatte sie die Nase voll. Ehe wir uns versahen, sprang sie aus dem Kahn und landete in dem stinkenden Tümpel. Im gleichen Moment riss das morsche Seil, unser Kahn machte einen Hüpfer und schoss hinaus auf den Teich.
Au weia! Ein schöner Schreck.
„Hilfe“, schrieen wir. „Hilfe!“
Dieses Mal war unser Hilfeschrei echt, doch niemand hörte uns. Nur Hüna stand am Ufer, nass und klebrig, und schüttelte sich den Tümpel aus dem Fell.
Wir atmeten erleichtert auf.
„Gott sei Dank“, flüsterte ich kleinlaut. „Es ist ihr nichts passiert.“
„Ja, ein Glück“, antwortete Lena ebenso leise und sah mich mit feuchtem Blick an. „Und was machen wir nun?“
Ja, wie sollten wir jemals wieder ans Ufer kommen? Paddel lagen keine im Kahn, Schwimmwesten schon gar nicht. Es wäre uns auch nicht im Traum eingefallen, in das schmutzige Wasser zu springen. Papas Verbot fiel uns wieder ein. Außerdem, wenn die Hexen vielleicht doch am Tage spukten und uns in die Tiefe zogen?
Uns wurde ganz mulmig zumute, und ich hatte auf einmal so ein komisches Ziehen im Bauch. Ob wir nun die Nacht hier verbringen mussten? Bei den Hexen? Hilflos schauten wir zu Hüna, die am Ufer stand und zu uns herüber starrte. Sie musste uns helfen.
„Hüna, lauf heim und hol Hilfe!“, riefen wir. „Sei ein lieber Hund!“
Wir riefen und bettelten, wir schimpften und schmeichelten und Hüna war wirklich ein ganz lieber Hund. Sie war so lieb, dass sie sich keinen Zentimeter von der Stelle rührte und folgsam auf uns aufpasste. Es war zum Verrücktwerden!
„Hüna, los. Lauf!“ Nichts!
„Hat keinen Sinn“, murmelte Lena erschöpft. „Ein Hirtenhund läuft nie weg. Ist halt nun mal so.“
Ja, war halt nun mal so. Vom vielen Schreien erschöpft setzten wir uns in den Kahn und warteten auf die Nacht. Wir warteten und zitterten und warteten, und es kam uns schrecklich lange vor. Und wie wir büßten! Nie zuvor hatte ich so viele gute Vorsätze: Ich nahm mir vor, ganz lieb und ordentlich zu sein und nie mehr andere zu ärgern. Wenn wir nur jemals hier wieder wegkamen!
Ich weiß nicht, wie lange wir so gebüßt hatten, als Hüna plötzlich zu bellen begann und Schwanz wedelnd einen Fremden begrüßte.
Einen Fremden? Juchhu! Es war Papa!
Wir begannen, aus Leibeskräften zu schreien. „Papa. Hier sind wir. Hilfe!“
Papa drehte sich suchend im Kreis, bis er uns endlich entdeckte.
„Ahh“, rief er, und seine Stimme klang so, als ob er große Angst um uns gehabt hätte. „Da seid ihr? Na, Gott sei Dank.“ Dann fing er an zu lachen. „Ihr seid mir schöne Hirten“, feixte er und streichelte Hüna, die noch immer mit dem Schwanz wedelte, weil sie sich so arg freute. „Aber wer hütet hier eigentlich wen?“
Wir gaben keine Antwort. Zu groß war unsere Angst vor dem Donnerwetter. Papa würde bestimmt ganz schön wütend werden, wenn er uns erst einmal gerettet hatte.
Da watete Papa auch schon ins Wasser. Wir zogen die Köpfe ein und machten die Augen zu. Wir wollten nicht sehen, wie mühevoll er uns nun retten musste. Doch schon stand Papa lachend vor uns. Und wie er lachte! Ja, und da erst bemerkten wir, dass er gar nicht schwimmen musste, um uns zu retten. Das Wasser ging ihm nämlich nicht einmal bis zum Knie. In unserer Angst hatten wir nicht gemerkt, dass man durch den Tümpel waten konnte. Was für eine Blamage! Na ja, Papa zog uns dann eins, zwei, drei ans Ufer, und was dann alles noch kam, ist eine Geschichte für sich.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

01. Juli 2015 von Elke
Kategorien: Abenteuergeschichten, Familiengeschichten, Sommergeschichten, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert


%d Bloggern gefällt das: