Lena und die Stunde des Glücks

Lena und die Stunde des Glücks

„Heute haben wir in der Schule eine prima Geschichte erzählt gekriegt“, erzählte Lena eines Tages beim Mittagessen. „Die war so toll, dass ich es jetzt auch so machen werde wie in der Geschichte.“
„Fein“, meinte Papa, der mit seinen Gedanken ganz woanders war. „Tu das!“
Ich aber ahnte Schlimmes. Bestimmt war es wieder eine von diesen Lena-Ideen, die selten gut endeten.
„Was war denn das für eine Geschichte?“, fragte ich misstrauisch.
„´ne Glücksgeschichte“, antwortete Lena und strahlte. „Da war ein Mann in China, und der schenkte einem traurigen Menschen eine Stunde seines Glücks. Toll, nicht wahr?“
„Wie soll das denn gehen?“, fragte ich vorsichtig.
„Ganz einfach“, erklärte Lena. „Man muss ein Loch in eine Münze bohren und einen Wollfaden durchziehen. Und diese Münze schenkt man dann dem traurigen Menschen.“
„Und das macht ihn glücklich?“ Ich kapierte nicht, wie eine Münze mit einem Wollfaden Glück bringen sollte.
Lena aber schien sich das ganz genau vorstellen zu können.
„Mensch, bist du blöd“, grummelte sie. „Wenn der traurige Mensch den Wollfaden ansieht, weiß er, dass er mein Glück für eine Stunde geschenkt bekommen hat. Und da geht es ihm gleich viel besser, und er fühlt sich ganz arg glücklich.“
Oh je! Also doch wieder eine typische Lena-Idee
Ungläubig starrten wir Lena an. Dann mussten wir lachen.
„Komisches Glück!“, kicherte ich, und Papa fragte grinsend:
„Und wenn sich der unglückliche Mensch gerade dein Wollfadengeschenk betrachtet, ist er für eine Stunde glücklich und du bist für eine Stunde unglücklich?“
Lena nickte. „Ist doch gut, oder?“
„Ja.“ Papa tat ganz ernst. „Das ist wirklich sehr edel von dir. Aber wann könntest du dich denn für eine Stunde freiwillig unglücklich fühlen?“
Lena überlegte eine Weile. „Nachts vielleicht“, meinte sie schließlich ein bisschen kleinlaut.
„Oha! Das ist aber wirklich ein großes Opfer! Hoho“, lachte Papa.
„Nicht wahr? Und was es erst für eine Arbeit ist, dieses verflixte Loch in die Münze zu bohren!“
Papa nickte verständnisvoll. „Und dann musst du auch noch dein Glück in den Wollfaden zaubern“, spöttelte er. „Also ehrlich, ich bin richtig stolz auf dich!“
Lena nickte zufrieden. „Kannst du auch sein. Für eine Stunde Glück muss man etwas tun.“
Dass Papa sie nur auf den Arm nahm, schien sie nicht zu merken. Triumphierend sah sie mich an. „Du würdest bestimmt nie auf so eine Idee kommen.“
„Nein. Niemals“, beteuerte ich. „Aber sag, wo findest du jemanden, der dein Glück überhaupt braucht?“
„Jeder braucht Glück“, antwortete Lena großspurisch.“
„Na dann viel Glück mit dem Glück“, sagte Papa und stand auf. „Mich würde es zum Beispiel sehr glücklich machen, wenn du heute für mich den Küchendienst übernimmst. Es kostet dich nur eine klitzekleine Stunde deines Glückes.“ Er lachte und verkrümmelte sich in sein Arbeitszimmer.
„Ich brauche eigentlich auch keine Wollfadenmünze“, sagte ich schnell und eilte zur Tür. „Aber du kannst mir dein Fahrrad leihen. Meines hat nämlich einen Platten. Tschüs und danke.“
„Scheiß-Glück!“, murmelte Lena und starrte auf das Schmutzgeschirr in der Küche.“
Ich glaube, ihre Idee mit der Stunde des Glücks fand sie nun doch nicht mehr so gut.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

04. Juli 2015 von Elke
Kategorien: Familiengeschichten, Spaßgeschichten | Schlagwörter: , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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