Die kleine Waldmaus und das kleine große Tier

Einmal traf die kleine Waldmaus ein seltsames Tier im Wald, ein kleines großes Tier

Einmal traf die kleine Waldmaus am Rande der Waldwiese ein seltsames Tier mit einem hellbraunen Zottelfell, hohen Beinen und einem langen Hals. Riesig groß stand es auf einmal vor ihr und beinahe hätte sein Fuß mit den scharfen Klauen die kleine Maus unter sich begraben. Gerade noch rechtzeitig konnte die kleine Waldmaus „Hilfe!“ und „Bleib stehen!“ rufen und einen weiten Mausesprung zur Seite machen. Aber der weite Mausesprung war weniger weit als ein Schritt dieses fremden, riesig großen Riesentieres.
„Hilfe!“ Die kleine Waldmaus war sehr erschrocken. Sie fürchtete sich sehr.
Auch das Zotteltier zitterte. Es sah aus, als ängstigte es sich.
„W-w-wer bist du?“, stammelte die kleine Waldmaus. „N-n-noch n-n-nie h-h-habe ich dich hier in unserem Wa-Wa-Wald gesehen. Du bi-bi-bist kein Waldtier.“
Das fremde Tier schwieg. Es zitterte noch immer.
Da verflog die Angst der kleinen Waldmaus. Wenn sich ein so großes Tier vor ihr fürchtete, dann, ja, dann war sie eine ganz besondere, eine ganz coole kleine Waldmaus. Und ganz coole Waldmäuse habenkeine Angst. Klar.
Sie stellte sich vor den Riesenfuß des fremden Tieres und baute sich zu ihrer größten Mausegröße auf. Sie war nun immer noch nicht viel höher als die große Zehe des ängstlichen fremden Tieres. Egal.
„Vor mir musst du dich nicht fürchten, du armes großes Tier“, sagte sie. „Ich helfe dir. Aber sag: Wer bist du und was bist du?“
Das große Tier neigte seinen langen Hals und sah die kleine Waldmaus aus dunklen Augen an. Es war ein freundlicher Blick aus freundlichen Augen und das Herzchen der kleinen Waldmaus begann heftiger zu schlagen. Es war ein ganz besonderes Schlagen, das sich nicht furchterweckend anfühlte.
„I-i-ich b-b-bin das klei-ei-eine La-a-ama!“, sagte das Tier mit sanfter weicher Stimme. „U-u-und i-ich b-bin …“
Es kam nicht weiter, denn die kleine Waldmaus musste lachen. Sie lachte so heftig, dass sie bei jedem Lacher vergnügt in die Höhe hüpfte. Sie lachte und hüpfte und … saß auf einmal auf der schwarzen Nase des Fremdlings, der sich ‚kleines Lama‘ nannte.
„Kleines Lama! Hoho!“ Mause-Lachtränen kullerten auf die Lamanase. „Wa-a-as i-i-ist groß, we-henn du klein bist?“
„Groß?“, antwortete das kleine Lama. „Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass alle zu mir ‚kleines Lama’ sagen: Mama Lama, Papa Lama und Opa Lama und alle Freunde in der Lamaherde. Sie müssen es wissen, denn sie sind schon alt und groß. Auch die Menschen, die uns das Futter bringen und mit uns zusammen sind, sagen ‚kleines Lama‘ zu mir. Weil ich das kleinste Lama bin. Und das jüngste.“
„Ich bin auch die kleinste Waldmaus in meiner Mausfamilie. Und die jüngste.“
Da glimmerten die sanften, runden Augen des kleinen großen Lamas.
„Fein“, sagte es. „Dann sind wir jetzt Freunde. Wo wir doch beide die ‚Kleinsten‘ sind. Abgemacht?“
„Abgemacht.“ Die kleine Waldmaus freute sich.
„Gut! Dann treffen wir uns morgen wieder hier! Jetzt nämlich muss ich zu meiner Herde auf die Weide zurück“, sagte das kleine Lama. „Nicht auszudenken, wenn sie merken, dass ich ein kleines Loch im Zaun entdeckt habe und in den Wald spaziert bin.“
„Ein kleines oder ein kleines großes Loch?“, fragte die kleine Waldmaus, doch das Lama hörte ihre Worte nicht mehr. Es rannte schon mit großen Hüpfern über die Wiese zur Weide zurück.
„Was für ein ulkiges kleines großes Tier!“, sagte die kleine Maus und lachte.
© Elke Bräunling

 

Eine weitere Geschichte vom kleinen Lama findest du hier: Das kleine Lama und der Duft des Herbstes

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

17. Juli 2015 von Elke
Kategorien: Abenteuergeschichten, Freundschaftsgeschichten, Mutgeschichten, Naturgeschichten, Tiergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , | 18 Kommentare

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