Der Leuchtturm vom Hollerwald

Keiner mag den Neuen leiden und nun hat er sich auch noch im Wald verlaufen

„Ake ist verschwunden. Er ist nicht nach Hause gekommen.“
Ake war der Neue mit dem fremdartigen Vornamen und der großen Klappe. Mit seinem Vater war er aus Kiel nach Süddeutschland umgezogen. Seit mehreren Wochen schon bemühte er sich, hier Freunde zu finden. Vergebens.
„Er ist ein Angeber!“, sagten die Kinder vom Spielplatz und gingen Ake aus dem Weg.
Der aber tauchte immer wieder am Spielplatz auf. Um ihn loszuwerden, hatten Sebastian und Paul ihn heute Nachmittag mit einer List weggeschickt.
„Wir treffen uns in einer Stunde in der großen geheimen Höhle“, hatte Paul Ake zugeflüstert. „Du kannst auch kommen.“
Dann hatte er ihm den Weg zu dieser Höhle, die es gar nicht gab, beschrieben. Ein Weg, der weit in das dunkle Hollerbachtal mitten im großen Wald führte.
Und nun war Ake verschwunden. Sebastian, Paul und die anderen Kinder hatten ein schlechtes Gewissen.
„Er wird doch nicht wirklich in den Wald gegangen sein?“, flüsterte Tina. „Was für eine dumme Idee aber auch!“
„Bestimmt hat er sich verirrt. Der Hollerwald ist groß.“
„Und wild, besonders im Hollerbachtal.“
Die Kinder sahen sich betroffen an und Sebastian meinte kleinlaut:
„Und wir sind schuld. Wenn es erst einmal ganz dunkel wird, findet Ake den Rückweg nie. Hoffentlich passiert ihm nichts.“
Paul nickte. „Stimmt. Die Idee war total uncool.“ Er überlegte kurz. „Aber jetzt habe ich eine wirklich coole Idee. Hört her!“
Sie tuschelten miteinander, und wenig später zogen die Kinder vom Spielplatz mit Lampen, Taschenlampen, Kerzen und Fackeln in den Wald.
Eine halbe Stunde später blinkte von der höchsten Stelle des Hollerbergs, dort wo der alte Wachturm stand, ein Licht auf. Es blinkte hell und wegweisend und sah vom Städtchen aus richtig schön und einladend aus.
„So etwas aber auch!“, staunten die Leute. „Wir haben einen Leuchtturm in unserem Wald.“
Und der Bürgermeister fügte stolz hinzu:
„Eine fabelhafte Idee! Ein Leuchtturm weist Verirrten den Weg. Ich bin beeindruckt. Was haben wir für schlaue Kinder!“
Klar, auch Ake, der von seiner alten Heimat das rettende Licht der Leuchttürme wohl kannte, fand nun schnell den Weg aus dem engen Hollerbachtal heraus und als er, müde, hungrig, schmutzig und kleinlaut am alten Wachturm, der im hellen Licht erstrahlte, ankam, klatschten die Leute, die dort auf ihn warteten, erleichtert in die Hände. Und die Kinder, die winkten ihm zu. Einladend dieses Mal. Es konnte für sie alle ja nun wirklich keinen besseren Neuanfang geben.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

22. Juli 2015 von Elke
Kategorien: Abenteuergeschichten, Freundschaftsgeschichten, Geschichten über Gefühle, Mutgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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