Die Wolkenträne

Manchmal kann ein einzelner Regentropfen auch „verwechselt“ werden

Einmal wollte ein Regentropfen nicht länger einer unter vielen sein. Lange bevor der große Regen angekündigt war, stahl er sich aus der dicken Wolke und sprang mit einem Hüpfer vom Himmel.
„Ich bin frei“, rief er und schlug übermütig ein paar Purzelbäume. „Frei-ei-ei…! Hurra, wie ist das Leben schön.“
Für einen Moment wiegte er sich im Sog eines Windstoßes in der Luft hin und her. Dann zog es ihn weiter hinab in die Stadt, die unter ihm lag.
Er fiel und fiel und landete – platsch! – mitten im Park auf dem Spielplatz. Nein, genauer gesagt landete er auf der Nase eines kleinen Mädchens und die roch wundersüß nach Blütenduft, Milch und Vanille.
Hm! Hier gefiel ihm. Gute Wahl! Hier wollte er bleiben.
„Oh!“, rief das Mädchen. „Eine Wolkenträne. Ich habe es doch immer gewusst, dass Wolken weinen können. Und eine Wolkenträne, die hat nicht jeder. Was für ein Glück ich doch habe!“
‚Stimmt!‘, dachte der kleine Regentropfen, der sich über die Freude des Mädchens sehr freute. ‚Was für ein Glück haben wir, das kleine Mädchen – und ich!‘
„Seht mal!“ Das Mädchen rannte zu seinen Freunden hinüber, um ihnen die Wolkenträne zu zeigen.
Die aber lachten und riefen:
„Wolkentränen gibt es nicht, weil Wolken nicht weinen.“
„Und ein Regentag ist heute auch nicht.“
„Hoho! Wie doof ist das denn? Hoho.“
Laut riefen die Kinder durcheinander.
Und eines, das die Sache mit der Wolkenträne besonders lustig fand, deutete hinüber zu den Tauben, die auf dem Denkmal saßen.
„Haha!“, rief es. „Bestimmt hat eine Taube den Tropfen … verloren. Hahaha.“
„Hahahaha!“ Alle lachten nun und fanden die Sache mit der Wolkenträne sehr lustig.
Da begriff das kleine Mädchen.
Eine Taube sollte den Tropfen verloren haben? Aber das hieß doch, dass …“
„Ähhh!“ Das Mädchen schüttelte sich voller Ekel. Dann rannte es zum nahen Bach und wusch sich schnell das Gesicht.
So landete der Regentropfen bei seinen Kollegen im Bach und war wie zuvor in der Wolke wieder nur einer von vielen.
‚Ich bin vielleicht eine dusselige Träne!, dachte er noch, doch da verschlang ihn schon eine Welle und trug ihn mit den anderen Wassertropfen dem Fluss entgegen.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

25. Juli 2015 von Elke
Kategorien: Freundschaftsgeschichten, Geschichten über Gefühle, Naturgeschichten, Spaßgeschichten, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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