Die Blätter und der Sommerwind

Als der Sommerwind den staubigen Blättern half

Ein kleiner warmer Wind schlich durch den sonnigen Spätsommertag. Er strich über die Gärten und Parks der Stadt, tänzelte durch Straßenschluchten und küsste Menschengesichter. Er war gut beschäftigt und fand immer irgendwo etwas zu tun. Zur Mittagsstunde schließlich ließ er sich in der Krone der Marktlinde nieder. Er war müde und sehnte sich nach einem Schläfchen.
Die Lindenblätter freuten sich über den Besucher. Sie liebten es, wenn Wind durch die Baumkrone strich und sie mit einer kühlen Brise verwöhnte. Zufrieden hielten sich an ihren Zweigen fest und wiegten sich sanft hin und her.
Was für ein angenehmer Tag!
„Du tust uns gut, Wind!“, sagten sie. „Danke.“
„Bitte, bitte“, brummte der Wind. „In eurem Blätterdach lässt es sich wohl ausruhen.“
„Und du bist als Gast gern gesehen.“
„Nicht jeder heißt mich so herzlich Willkommen“, antwortete der Wind. „Sagt, kann ich euch etwas Gutes tun?“
„Oh ja!“, sirrten die Blätter. „Du könntest uns vom Staub der Stadt befreien. Wir wollen uns in unserer frischen grünen Blattfarbe zeigen.“
„Wie eitel ihr seid!“, lachte der Wind, doch weil er gut gelaunt war, pustete er die Blätter wieder sauber.
Wie freuten sich die Blätter da!
„Wie schön wir doch sind! Wie sommerfrisch und tiefgrün!“
Die Blätter waren bester Laune. Sie genossen diese Zeit sehr. Noch nämlich war Sommer, auch wenn die Tage kürzer, die Nächte kühler wurden. Jeden Tag, der ihnen ihre frische grüne Blattfarbe erhielt, galt es auszukosten. Hier und da nämlich waren schon Vorboten des Herbstes unterwegs. Sie ließen als Zeichen ihres Besuchs ein paar gelb oder golden bemalte Blätter zurück. Diese Vorboten waren keine gern gesehenen Gäste in der Linde. Sie kündigten den Herbst an und daran mochten die Blätter noch nicht erinnert werden.
Und so hatten auch nicht alle Blätter Grund zum Jubeln. Es waren die Blätter mit den kleinen gelben und roten und braunen Flecken. So ganz ohne Straßenstaub funkelten diese Farbtupfer nun viel heller. Was für ein Schreck!
„Du hast uns in Herbstblätter verwandelt“, klagten sie. „Wie hässlich wir sind!“
Und sie sehnten sich nach dem Staub der Stadt, verdeckte der doch gnädig diese ersten Anzeichen des drohenden Endes.
„Wir brauchen neuen Staub! Und keinen Wind, der ihn wieder wegpustet.“
„Staub?“ Der kleine Sommerwind horchte auf. „Ihr habt Recht. Ich sollte weiter ziehen. Die Zeit der warmen Sommerwinde ist vorbei.“
Sprach’s und machte sich ganz schnell ganz leise aus dem Staub.
© Elke Bräunling

Auch hier ist ein Blatt eines Tages im späten Sommer unzufrieden. Die Geschichte findest du hier: Die Sonne und das Blatt
Weitere Blättergeschichten:
Der kleine Sonnenstrahl und das traurige nasse Blatt
Das erste gelbe Blatt
Das rote Blatt

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

02. August 2015 von Elke
Kategorien: Geschichten über Gefühle, Herbstgeschichten, Naturgeschichten, Sommergeschichten, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Vielen Dank für ihre tollen Geschichten. Ich kann sie für meine Schüler immer sehr gut gebrauchen. Weiter so….

  2. Danke fürs Besuchen und Kommentieren und viel Spaß mit den Geschichten.
    Lieber Gruß
    Elke

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