Der kleine Igel und der große Kürbis

Wie der kleine Igel den Kürbissen das Lachen schenkte

„Hey, du! Hey, kannst du mir helfen?“
Leise hallte der Ruf aus dem Garten. Er kam vom Gemüsebeet.
Der kleine Igel, der gerade aus seinem Schlafversteck gekrochen und noch ein wenig verschlafen war, wunderte sich. Wer hatte da gerufen? Er sah sich um, spähte durch die Gräser und sah … nichts.
„Hier! Wir sind hier, meine Gefährten und ich.“
„Hier? Wo ist hier?“
„Hier ist hier! Auf der anderen Seite des Wegs hinter dem Holzzaun, den die Menschen ‚Gartenzaun‘ nennen.
Es war der orangefarbene Kürbis, der nach dem kleinen Igel rief. Er war groß. Sehr viel größer als der kleine Igel.
Der kleine Igel wunderte sich. „Wie kann ich dir helfen?“, fragte er. „Ich bin nur ein kleiner Igel.“
„Jeder kann helfen, egal ob klein oder groß“, antwortete der Kürbis. „Hör zu: Wir sind in Gefahr. Morgen nämlich sollen wir geerntet werden.“
„Geerntet?“ Darunter konnte sich der kleine Igel wenig vorstellen. „Was ist das?“
„Das Kind, das oft hier im Garten spielt, hat es mir erklärt“, sagte der Kürbis. Seine Stimme klang aufgeregt. „Es will mit mir basteln. Halt, nein, nicht mit mir. Aus mir. Es will mich in ein Lichtgesicht verwandeln. Weil ich so schön bin. Aber bitte, sag mir, was ist ein Lichtgesicht?“
„Ein Lichtgesicht? Oh!“ Der kleine Igel zögerte. Er hatte auf seinen Rundgängen einige Lichtgesichter getroffen, und die sahen nicht schön aus. Schaurig und grausig und sehr hässlich waren sie und sie trugen leuchtende Lichter in ihren ausgehöhlten Bäuchen. Aber sollte er das dem Kürbis sagen?
Da aber sprach der Kürbis schon weiter. „Vielleicht kannst du mir helfen, dass ich bis morgen kein schöner Kürbis mehr bin. Hässlich möchte ich sein. Viel zu hässlich für ein Lichtgesicht.“
Der kleine Igel seufzte. „Das wird nichts nützen“, meinte er. „Lichtgesichter sind nicht schön. Jedenfalls sind die, die ich kenne, es nicht.“
Dann erzählte er von den gruseligen Licht-Kürbissen, die er getroffen hatte.
„A-a-aber …“ Der Kürbis war sehr erschrocken. Er wollte alles sein, nur nicht ein schaurig grinsendes Fratzengesicht. „U-und du k-kannst mir gar nicht helfen?“
Der kleine Igel schüttelte den Kopf. Es machte ihn traurig, dass er nichts für den armen Kürbis tun konnte.
„Hm. Hm“, machte er und knabberte aus Verlegenheit an einem Apfel, der unter dem Apfelbaum lag. Außerdem war er hungrig. Schließlich hatte er den ganzen Tag noch nichts gegessen.
„Und nun?“, fragte der Kürbis.
„Ich überlege“, sagte der Igel und spuckte das Apfelstückchen wieder aus. Es schmeckte ihm nicht.
Da begann auch der Kürbis nachzudenken. „Hm. Hm“, machte auch er. „K-könntest du vielleicht ein bisschen an mir … ‚überlegen‘?“
„Ich denke doch schon nach“, meinte der Igel.
„Nein, du sollst genau so ‚überlegen‘, wie du es mit dem Apfel tust. Mit den Zähnen.“
„Du meinst, ich soll dich aufessen?“ Der kleine Igel musste nun doch lachen. „Igel essen kein Gemüse.“
„Aber Lachen ist gut“, sagte der Kürbis. „Sag! Hast du auf deinen Wanderungen auch ein lieb lachendes Kürbislichtgesicht getroffen?“
Der Igel schüttelte den Kopf. „Ich glaube, die Menschen mögen nur hässliche Lichtgesichter. Warum sonst…?“
„Gut! Gut!“, unterbrach ihn der Kürbis. „Ich habe eine Idee. Wir müssen liebe Gesichter haben! Ganz liebe, lachende Gesichter. Ist doch ganz einfach, oder? Bitte rufe alle Tiere mit Knabberzähnen herbei! Sie sollen aus uns …“
„Oh!“, sagte der Igel. „Ich habe schon verstanden. Eine gute Idee ist das. Eine sehr gute. Und eine lustige dazu.“
Schnell huschte er davon, um den Igeln, Mäusen, Eichhörnchen, Mardern, Wieseln, Schnecken, Käfern, Ameisen und auch den Vögeln Bescheid zu geben.
Sie kamen alle. Schließlich gab es viel zu tun. Bis zum Morgengrauen ‚überlegten‘, nein, knabberten sie, und als die Sonne ihre ersten Strahlen über den Garten schickte, musste sie lächeln. Aus dem Kürbisbeet nämlich lachten ihr viele Kürbisgesichter lieb entgegen. Sie hatten einen breiten, lachenden Mund und fröhliche Augen. Schön sahen sie aus. Wie viele bunte Smileys.
Jeder, der sie an diesem Morgen sah, musste lächeln.
Und die Kinder? Ob sie nachher bei der Ernte auch lächeln werden?

© Elke Bräunling

 

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

04. Oktober 2015 von Elke
Kategorien: Gutenachtgeschichten, Herbstgeschichten, Naturgeschichten, Spaßgeschichten, Tiergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | 12 Kommentare

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