Florian und der Geist des Piraten

Vom Piraten Klaus Störtebecker, dem Meer, eine Schatz und einem Traum mit einem Geist

Der Sturm peitschte die Wellen der Ostsee gegen die steilen Kreidefelsen der Insel. Es war kalt. Florian versuchte, im Meeresgrau den Horizont zu erkennen. Nichts.
„Meine Freunde daheim haben miteinander Ferienspaß  und ich muss mich hier auf Rügen bei Mamas Wellnessurlaub zu Tode langweilen“, murrte er. „Dieses blöde Wetter lockt nicht mal einen Piraten hinter dem Ofen hervor.“
Er dachte an das Buch über die Vitalienbrüder, das Mama ihm geschenkt hatte.
„Das waren noch Kerle damals. Bestimmt würden die auch bei diesem Sturmwetter über die Meere segeln.“
„Mitnichten“, tönte da eine Stimme neben ihm. „So töricht waren wir Seeleute – oder Piraten, wie du uns nennst – nicht.“
Eine klapperdürre Männergestalt mit einer Wolldecke als Umhang, das Gesicht unter einem Schlapphut vergraben, stand plötzlich neben Florian.
„W-wer bist du?“, stammelte Florian erschrocken.
Der Fremde verneigte sich. „Gestatten: Wilgund, der Schmächtige. Als Gefährte meiner Freunde und Brüder Klaus Störtebeker und Gödeke Michels erlebte ich dereinst hier viele Abenteuer.“
„Ein Seeräuber warst du?“, fragte Florian. „Ein gemeiner Pirat, der Schiffe ausraubte?“
Der Fremde schüttelte den Kopf. „Wir waren Mitglieder der Bruderschaft der Fratres Vitalienses, der Vitalienbrüder, und handelten im Auftrag adeliger Herrschaften.“
„Und dabei habt ihr Schiffe gekapert und ausgeraubt, bis ihr gefangen und geköpft wurdet“, sagte Florian.
Der Fremde zuckte zurück. „Erinnere mich nicht an diese unselige Niederlage. Man hat uns missbraucht – und man ließ uns gegen die Feinde der Krone kämpfen ohne Sold.“
Er breitete wie fragend die Arme aus. „Wovon, glaubst du, hätten wir leben sollen, wenn nicht vom Raub?“ „Ihr habt aber sehr viel Geld und Schmuck und Handelswaren geklaut.“
Florian wusste Bescheid. „Auch Geiseln habt ihr genommen. Und deshalb haben die Leute euch wie gemeine Seeräuber behandelt.“
Der Fremde lachte auf. „Ich gebe es zu, unsere Raubzüge waren üppig. Doch glaubst du, wir haben die ganze Beute für uns behalten?“ Er lachte auf. „Nicht wir. Nein. Den Armen haben wir davon abgegeben, ganz nach den Wünschen unseres Anführers Klaus Störtebeker.“
Hm. Florian musterte den Fremden.
„Wer bist du nun wirklich?“, fragte er. „Ich habe gelesen, dass alle Leute von Störtebekers Mannschaft gefangen genommen und geköpft wurden. Damals vor über 600 Jahren.“
Der Fremde antwortete mit einem tiefen Seufzer.
„Du sprichst meinen wunden Punkt an. Krank war ich gewesen und bei der letzten Kapernfahrt nicht mit von der Partie. Daher überlebte ich den Untergang der Gefährten und das lässt mich bis heute nicht zur Ruhe kommen.“
Er deutete die Klippe abwärts ins Nebelgrau. „So bin ich dazu verdammt, den großen Schatz, den meine Gefährten hier in Rügens Stubbenkammer vor den Feinden versteckten, für alle Zeiten zu bewachen.“
„Ein Schatz? Hier unten? Cool.“ Florian trat ein paar Schritte zum Rand der Klippe. „Wo habt ihr ihn versteckt. Zeig es mir! Bitte!“
„Pass auf! Ich rieche Gefahr!“ Laut hallte die Stimme des Seeräubergeistes Wilgund im Sturmgetöse.
Da passierte es auch schon. Eine besonders scharfe Böe riss Florian fast zu Boden. Im letzten Moment konnte er sich am Stamm einer verkrüppelten Kiefer festhalten.
„Pass auch du auf!“, schrie er, doch der Geist war verschwunden.

© Elke Bräunling

Klaus Störtebeker, der berühmte Pirat

Klaus Störtebeker führte zusammen mit Gödeke Michels eine Gruppe von Freibeutern (auch Vitalienbrüder genannt) an. Im Auftrag der Hansestädte Rostock und Wismar durften die Piraten dänische Schiffe überfallen und ausrauben. Die Städte wollten damals Ende des 14. Jahrhunderts den Schweden im dänisch-schwedischen Krieg helfen. Außerdem schmuggelten Klaus Störtebeker und seine Leute im Auftrag der Hansestädte Lebensmittel (= Viktualien = Vitalien) in die von Dänen belagerte Stadt Stockholm. Lohn erhielten sie dafür keinen. Man gestattete ihnen allerdings, die Beute aus ihren Raubzügen behalten. Weil die Vitalienbrüder um Klaus Störtebeker aber nach Kriegsende weiterhin Schiffe ? vor allem in der Nord- und Ostsee ? überfielen, begann die Hanse (das war die Vereinigung vieler großer Handelsstädte und Kaufleute), die Piraten zu verfolgen und zu jagen. Im Jahr 1401 wurde Klaus Störtebeker und seine Leute gefasst und in Hamburg hingerichtet. In der Legende aber lebt dieser berühmte und mutige Pirat weiter bis heute. Man sagt, es wären bis heute längst nicht alle gut versteckten Piratenschätze gefunden worden.
© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

29. Oktober 2015 von Elke
Kategorien: Abenteuergeschichten, Gutenachtgeschichten, Herbstgeschichten, Traumgeschichten, Wintergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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