Der kleine Igel und das weiße Weiß

Der Winter, so lernt es der kleine Igel, ist die kalte Dunkelzeit, und das bedeutet, es ist Schlafenszeit

„Nanu?“, sagte der kleine Igel, als er früh am Morgen aus dem Gebüsch kroch und den Wald verlassen wollte. „Weiß. Hier draußen ist die Welt weiß geworden. Hm! Hm!“
Der kleine Igel blinzelte. Dieses fremde Weiß kannte er noch nicht. Was war passiert über Nacht?
Er schnupperte. Es roch gut und frisch, dieses Weiß. Und es roch fremd. Fremd aber konnte Gefahr bedeuten. Das hatte er gelernt. Vor Dingen, die anders waren, musste man sich in Acht nehmen. So hatte es ihm Mama Igel erklärt und der kleine Igel hatte sich diese Warnung gut gemerkt.
‚Aufpassen! Gefahr!’, dachte er deshalb nun. Er schnupperte wieder. Hm. Es roch wirklich gut. Und es lockte.
„Ist es gefährlich, dieses fremde Weiß?“, murmelte er. „Kann ich es wagen, meinen Weg fortzusetzen und übers Feld zu meinem Schlafbau im Blätterberg unter dem großen Apfelbaum gehen? Oder soll ich besser in den sicheren Wald zurückkehren?“
Der kleine Igel zögerte. Im Wald war die Igelwelt eine sichere Welt. Viele Möglichkeiten gab es dort, sich unter Büschen, Steinen, Baumstämmen oder zwischen Moosen, Farnen und Waldkräutern zu verstecken. Wenn er nur nicht so frieren würde. Frieren war ähnlich unangenehm wie hungern. Wie sehr sehnte sich der kleine Igel nach seiner Schlafhöhle! Die ganze Nacht hatte er Nahrung gesucht, gejagt, gegraben, geschnuppert und gefressen. Nun war er satt. Und müde. Und er fror. Die Kälte, die von diesem weißen Weiß ausging, kroch immer mehr in seine Glieder.
Vorsichtig setzte er einen Igelfuß mitten in das Weiß hinein. Es war kalt. Eine Kälte, wie sie der kleine Igel in seinem ganzen Igelleben noch nie kennen gelernt hatte.
„Noch kälter als kalt ist dieses Weiß“, murmelte der kleine Igel. „Aber ich glaube, gefährlich ist es nicht. Gefährlich ist nur, wenn ich mich nicht beeile, dass ich schnell nach Hause in meine Schlafhöhle komme.“
Und er erinnerte sich daran, dass Mama Igel vor der Kälte gewarnt hatte.
‚Wenn die Luft kühler wird und die Nacht länger ist als der Tag‘, hatte sie gesagt, ‚musst du ein warmes, sicheres Plätzchen haben für den tiefen Schlaf.‘
„Ich glaube, dieses Weiß will mir zeigen, dass die kalte Dunkelzeit gekommen ist. Und kalte Dunkelzeit ist Schlafenszeit“, sagte der kleine Igel.
Er war froh, dass er eine Antwort gefunden hatte. Er wusste nun, was zu tun war. Und so schnell er konnte, rannte er über das kalte weiße Weiß hinüber zur anderen Seite des Feldes, wo am Rande der Wiese unter einem Apfelbaum seine Schlafhöhle auf ihn wartete.

© Elke Bräunling


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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

21. November 2015 von Elke
Kategorien: Gutenachtgeschichten, Herbstgeschichten, Naturgeschichten, Tiergeschichten, Wintergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , | 15 Kommentare

Kommentare (15)

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  8. Du schreibst einfach wunderbare Geschichten! <3

  9. Dankeschön, liebe Katrin. Deine Worte tun gut. Gerade an Tagen wie heute.
    Ganz lieber Gruß
    Ele
    <3

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