Der kleine Wichtel und die witzigen Engel

Die Sache mit den Bären, denen plötzlich Flügel gewachsen waren – Eine Weihnachtsmarktgeschichte

Bären mit Engelsflügeln sah ich neulich auf dem Weihnachtsmarkt. Witzig sah das aus. Und dennoch taten sie mir leid. Sie passten so gar nicht zu dem anderen Weihnachtsschmuck.
Wer hat ihnen diese Flügel bloß angezaubert?
Pssst! Sie erzählen es uns selbst.
Dies hier ist ihre Geschichte:
Hört ihr?

„Wer seid ihr denn?“, fragte der kleine Weihnachtswichtel, der zum ersten Mal auf dem Weihnachtsmarkt dabei sein und mithelfen durfte. „Seid ihr Weihnachtsengel?“
Die weißen Holzbären, die sich auf diesem Weihnachtsmarktstand neben Weihnachtskugeln, Strohsternen, Räuchermännchen, Kerzenpyramiden und anderen Weihnachtsfiguren ziemlich unwohl fühlten, sahen auf.
„Weihnachtsengel?“, fragte der größte, der ganz vorne lag. „Kenne ich nicht.“
„Bären sind wir“, rief ein anderer Bär. „Nichts als einfache Holzbären.“
Und ein dritter Bär fragte: „Hast du noch nie einen Bären gesehen, Zwerg?“
Der kleine Weihnachtswichtel schüttelte den Kopf.
„Nein“, begann er. „Ich habe noch nie einen Bären gesehen, weil ich noch nie einen Bären sehen konnte. Noch nie nämlich war ich zu Weihnachten unterwegs zu den Menschen. Ich bin nämlich ein kleiner Wichtel, ein ganz klitzekleiner sogar und ich durfte bisher …“
„Halt! Halt!“ Der große Bär, der der Anführer dieser Bärenbande zu sein schien, wehrte ab. „Mit Bären solltest du nicht so schnell reden.“
„Und nicht zu viel auf einmal“, rief ein anderer Bär.
„Doch eines“, meldete sich der Bär ganz hinten rechts, „würde ich gerne wissen. Sag, weißt du, warum wir hier liegen? Irgendwie“, er sah sich um, „irgendwie passen wir nicht hierher.“
„Stimmt!“, echoten die Bären im Chor.
„Stimmt!“, sagte auch der kleine Wichtel.
„Und was ist ein Engel?“, fragte der kleinste Bär, der zuunterst lag.
„Ein Engel hat Flügel, habe ich gelernt“, erklärte der Wichtel. „Goldene Flügel.“
„Und sonst?“
„Weiß ich nicht.“
„Und mit Flügeln wären wir dann auch Engel?“, fragte einer der Bären.
Der kleine Wichtel zuckte mit den Schultern. „V-vielleicht“, meinte er dann verlegen.
„Gut!“, sagte der Bär. „Dann beschaffe uns Flügel! Goldene. Das wird doch sicher kein Problem für dich sein, oder?“
„Überhaupt nicht.“ Der kleine Wichtel war erleichtert. Das Zaubern nämlich, das hatte er gelernt. Er zauberte gerne. Gar nicht viel überlegen und nachdenken musste er dabei. „Wenn ich euch damit helfen kann…“
„Ja ja“, riefen die Bären. „Wir wollen keine Außenseiter hier sein. Mache Engel aus uns! Schnell! Gleich!“
„So-fort!“, rief der kleine Wichtel und lachte. Dann sagte er den Zauberspruch auf, der für goldene Flügel zuständig war. Und eins, zwei, drei wuchsen je zwei glänzend goldene Flügelchen auf den Schultern der Bären, die nun Bärenengel waren.
„Schööön!“, lachten die Bärenengel.
Vor Freude lachten sie so laut, dass die Leute ringsum neugierig wurden und ihre Köpfe in den Korb mit den ‚Bären-Engeln’ steckten.
Und dann lachten auch sie.
„Hoho! Hihi! Haha!“ „Habt ihr gesehen?“ „Bärenengel liegen hier. Viele kleine weiße B-engel mit goldenen Flügeln.“ „Witzig sehen sie aus!“ „Zum Schießen komisch!“ „Hoho! Hihi! Haha!“
Laut riefen und lachten die Leute durcheinander.
Die Bären-Engel-Bengel fühlten sich geschmeichelt über diese plötzliche Aufmerksamkeit. Der kleine Wichtel aber war verschwunden. Blitzschnell, mit einem schwarzen Gewissen, hatte er sich hinter den Bären, die nun B-engel waren, versteckt. Nur einen kleinen Zipfel seiner roten Wichtelmütze konnte man, wenn man genau hinsah, noch sehen.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

08. Dezember 2015 von Elke
Kategorien: Gutenachtgeschichten, Weihnachtsgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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