Der Wunsch des Weihnachtsmannes

Der Weihnachtsmann hat auch einen Wunsch zur Weihnachtszeit

„Mein Monat!“, rief der Weihnachtsmann. „Er ist mein Monat!“
„Dein Monat? Wer ist dein Monat?“, fragte sein treuer Gehilfe, der Oberwichtel.
„Der Dezember“, sagte der Weihnachtsmann. „Wer sonst?“
„Der Dezember? Dein Monat? Wie kommst du auf diese Idee?“
Der Oberwichtel, der immer alles ganz genau nahm und dem die Ordnung der Dinge sehr wichtig war, sah den Weihnachtsmann erstaunt an.
„Warum ist der Dezember dein Monat?“
„Warum nicht?“, fragte der Weihnachtsmann. Mit einer lässigen Handbewegung deutete er hinunter auf die Erde. „Schau dich um in den Städten. Überall siehst du mich und jeder, den du nach mir fragst, wird mich kennen. Man kann sagen …“ Der Weihnachtsmann lachte gefällig. „Ich, ja, ich bin die Hauptperson dieses letzten Monats im Jahr. Und eigentlich könnte der Dezember auch ‚Weihnachtsmanner’ oder ‚Weihnachtsmannmonat’ heißen.“
„D-d-du b-b-ist was?“ Der Oberwichtel rang nach Worten. „U-und w-warum soll man dich jetzt auf Erden überall sehen? Du stehst doch hier vor mir!“
„Aber mein Bild“, sagte der Weihnachtsmann, „das findest du allüberall dort, wo Menschen leben. „Mich siehst du auf Zeichnungen, Kalenderblättern, Tüten, Päckchen und Paketen, auf Briefen und Karten, auf Schildern und Tafeln, in Büchern, Filmen, Liedern, auf Mützen, Pullovern, Hemden und Shirts, ja, sogar auf Tassen und Tellern und, ach, überall bin ich vertreten.“
„Ach, das meinst du?“ Der Oberwichtel fing an zu kichern. „Du vergisst dein Schokoladen-Outfit in den Kaufhäusern, Bäckereien und Süßwarenläden. Mit einem Knack kann man dir den Kopf abbeißen. Haha! Und als Kekse und Lebkuchenfiguren haben sie dich auch millionenfach gebacken. Hohoho!“
„Na und? Damit bereite ich den Menschen eine süße Freude.“ Die Stimme des Weihnachtsmannes klang etwas gekränkt. „Hast du dagegen etwas einzuwenden?“
„Aber nei-hei-ein.“ Der Oberwichtel lachte auf. „Ha-ha-hast du dich au-haha-auch schon als Plastikfigur entdeckt? Überall dort, wo die Menschen einkaufen, lungerst du in dieser grässlichen Plastikverkleidung herum. Zuweilen kleben auch noch Werbeplakate oder Preisschilder auf deinem dicken roten Bauch. Hoho!“
„Das ist doch nur …“
„Und dann hängst du an vielen Hauswänden als dämliche Puppe und tust, als würdest du mit deinem Geschenkesack zum Kamin hinauf klettern. Dort oben kommst du aber nie-ie-ie-hihi an. Du hängst dort nur und hängst und … Oh, zum Kringeln komisch sieht das aus. Und blöde auch! Hihihihihi …“ Der Oberwichtel lag nun am Boden vor Lachen. „Am drolligsten anzuschauen aber sind die bunt-blinkenden Weihnachtsmann-Lichtketten. An und aus und an und aus. Immer wieder sehe ich dein Gesicht und an und aus und an und aus und … hahahahahaaaa!“
„Na ja“, gab der Weihnachtsmann kleinlaut zu. „Damit laden Kaufleute die Menschen zum Weihnachtseinkauf ein. Und was diese Hauskletterer betrifft, so …“
Der Oberwichtel lachte nun nicht mehr. Ernst sah er den Weihnachtsmann an. „Der Weihnachtsmann als Reklamefigur. Sag, guter Freund, bist das du wirklich?“
Der Weihnachtsmann schwieg. Die Träne, die ihm über die Backe rollte, wischte er schnell weg. „Es ist nicht meine Schuld“, sagte er dann leise.
„Nein, es ist nicht deine Schuld“, bestätigte der Wichtel. „Und vielleicht wird ihnen das dort unten, irgendwann, auch einmal langweilig werden.“
„Das wäre mein Weihnachtswunsch“, sagte der Weihnachtsmann leise.
Dann schwiegen sie. Auch zum Dezember wollten sie nichts mehr sagen. Es gab nämlich nichts zu sagen.

© Elke Bräunling

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

09. Dezember 2015 von Elke
Kategorien: Geschichten über Gefühle, Weihnachtsgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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