Als Herr Frühling zu früh ins Tal kam

Erst kam er zu früh, der Frühling, dann ließ er sich verjagen und beinahe hätte er später dann auch noch verschlafen

Lärm dröhnte durchs Tal. Es ging sehr trubelig zu und laut.
„Was soll dieser Höllenlärm?“, brummte Herr Frühling und rieb sich den Schlaf aus den Augen. „Ist es schon so weit? Hat der Winterschlaf ein Ende?“
Herr Frühling gähnte. Er war noch müde, aber neugierig war er auch. Also stand er auf und machte sich mit seinen warmen Frühlingswinden auf den Weg ins Tal. Unterwegs fingen Schneemänner und Eiszapfen zu weinen an, Schneelawinen rutschten von Dächern und Bäumen, Zäune und Hecken verloren ihre weißen Mützen.
Im Tal traf Herr Frühling Kinder. In einer langen Schlange zogen sie durch die Straßen, bimmelten mit Kuhglocken, bliesen auf Trompeten, hämmerten auf Trommeln herum und sangen: „Wir treiben heut den Winter aus! Trari, traro! Hau ab, du kalter Kerl und zieh nach Haus. Trari, trara!“
Was macht ihr denn da?“, wunderte sich Herr Frühling.
„Den Winter vertreiben“, antworteten die Kinder. „Ist doch klar. Der Frühling soll endlich kommen!“
„Der Frühling?“ Herr Frühling räusperte sich. „Eigentlich ist noch immer Winterzeit. Aber wenn ich mir die Sache etwas näher überlege, tja nun, ihr habt recht. Soll er kommen, der Frühling, gut, gut, soll er nur kommen!“
Er lachte auf, fasste die Kinder an den Händen und zog mit ihnen singend durch das Tal. Was für ein Spaß!
Herr Frühling sang und sang und bald machten sich im Tal frühlingswarme Lüfte und Sonnenschein breit. Die Leute kamen aus ihren Häusern, streckten ihre blassen Winternasen den Sonnenstrahlen entgegen und sagten:
„Der Frühling ist da. Wie ist das schön!“ Und alle freuten sich.
Nur einer war ganz und gar nicht erfreut über die frühe Ankunft seines Kollegen, und das war Herr Winter. So früh wollte er nämlich seine Herrschaft über das Land nicht aufzugeben.
„Was will dieser vorwitzige Frühlingskerl jetzt schon hier?“, rief er erbost. „Es ist noch viel zu früh. Noch bin ich an der Macht. Klare Sache!“
Und sogleich schickte er seine Eiswinde und Fröste mit Schnee und Hagelschauer ins Tal hinunter. Es wurde grausig kalt, und dagegen half kein Glockenlärmen und Trompeten, kein Trommeln und kein Singen. Mit frostiger Wut kehrte Herr Winter ins Tal zurück.
„Huh, ist das kalt!“, riefen die Leute, und die Kinder machten, dass sie schnell nach Hause kamen. Herr Frühling aber war empört
„Was soll das?“ schimpfte er. „Verschwinde, du kalter Eiskerl, du!“
Herr Winter aber lachte nur und antwortete mit einer besonders frostigen Windböe.
Da rannte der Frühling wie von tausend und mehr Geistern gejagt davon in den warmen Süden. Dort legte er sich erschöpft am Meeresstrand in den Sand und schlief sogleich ein. Er schlief und schlief, ja, und fast hätte er den wirklichen Frühlingsanfang dann auch noch verschlafen.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

08. Februar 2016 von Elke
Kategorien: Frühlingsgeschichten, Geschichten über Gefühle, Traumgeschichten, Wintergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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