Ein Gedicht für Oma Liese

Eine Geschichte von einem ganz besonderen Geschenk zum Valentinstag

„Früher“, sagte Oma Liese, „hat es den Valentinstag so, wie wir ihn heute kennen, nicht gegeben. Nur wenige Menschen dachten daran, einander an diesem Tag mit einem kleinen Geschenk ihre Liebe zu zeigen.“
„Was für ein Geschenk, Oma?“, fragte Paul.
„Ein kleines, ein feines, oft auch ein geheimes Geschenk“, sagte Oma Liese. „Das konnte ein Blumensträußchen sein oder ein Buch, eine Nascherei, ein Brief, eine Karte oder …“, Oma Liese machte eine kleine Pause, atmete tief durch und sagte leise: „Oder ein Gedicht.“
„Ein Gedicht?“ Enttäuscht sah Paul seine Großmutter an. „Wie langweilig! Also ich würde mir ein Gedicht nicht wünschen.“
„Würdest du dich auch nicht darüber freuen?“, fragte Oma.
Paul schüttelte den Kopf. Nein, das mit dem Gedicht konnte er sich überhaupt nicht vorstellen. Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse und Oma musste lachen.
„Man kann es nicht essen, man kann nicht mit ihm spielen und Musik hören kann man mit einem Gedicht auch nicht“, sagte sie. „Aber man kann träumen. Und man kann in einem Gedicht Dinge in Worte kleiden, die man auf andere Weise nicht sagen würde.“ Oma Liese machte eine Pause. „Schöne Dinge zum Beispiel, geheime Dinge. Liebesgeflüster.“
„Liebesgeflüster?“ Paul grinste. Hey, das war ja echt spannend mit den Gedichten. Ob Oma Liese einmal zum Valentinstag ein Gedicht von einem verliebten Mann geschenkt bekommen hatte?
„H-h-hast du auch einmal ein …?“ Er errötete und verstummte. Ein Liebesgedicht sollte ein geheimes Gedicht sein und bleiben.
Oma Lieses Wangen waren auch ein bisschen gerötet und nach einer kleinen Nachdenkpause erzählte sie Paul von dem Buch, das Opa ihr einmal zum Valentinstag geschenkt hatte. Einfach so und lange vor ihrer Heirat. Opa war damals der Schulfreund von Cousin Erich gewesen und Oma Liese hätte nie gedacht, dass dieser gut aussehende Mann ihr, der kleinen Liese, etwas schenken würde.
„Und das war ein Gedicht?“, fragte Paul.
„Ein Buch war es gewesen“, erzählte die Oma. „‚Rheinsberg – Ein Buch für Verliebte‘ von Kurt Tucholsky. Und darin lag auf einer ganz besonderen Seite ein Blatt Papier mit einem Gedicht. Einem ganz besonderen Gedicht.“
„Was für ein Gedicht? Und was für eine ganz besondere Seite?“, fragte Paul, der vor Aufregung fast das Atmen vergaß.
Da lächelte Oma Liese. „Das, mein lieber Paul, soll weiter mein Geheimnis bleiben. Aber von dem Tag an waren wir ein Liebespaar und zwei Jahre später haben wir geheiratet.“
„Toll“, sagte Paul. „Dann ist der Valentinstag ein ganz besonderer Tag für euch.“
„Einer der wichtigsten in unserem Leben, und das wird er auch immer bleiben.“
Beide schwiegen. Lange musste Paul an das junge Paar, das seine Großeltern sind, denken. Und er musste auch an Julie aus seiner Klasse denken. Ob er ihr ein Gedicht zum Valentinstag schenken sollte?

© Elke Bräunling

Und nun möchte Paul auch ein liebevolles Geschenk haben für Julie aus seiner Klasse, die er doch so sehr leiden mag. Dichten aber ist schwer und so schreibt Paul für Julie ein Lied und das bringt ihn auf ganz andere, neue Gedanken, doch lest selbst, hier: Ein Lied für Julie

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Ein paar Worte zum Valentinstag: Am 14. Februar feiern wir Valentinstag

 

Diese Geschichte findest du in diesem Buch: FAMILIENGESCHICHTEN 

Taschenbuch:Hör mal, Oma. Ich erzähle Dir eine Geschichte von der Familie: Geschichten für Kinder
EbookHör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte von der Familie: Familiengeschichten für Kinder 
Information

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

09. Februar 2016 von Elke
Kategorien: Familiengeschichten, Geschichten über Gefühle, Wintergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | 12 Kommentare

Kommentare (12)

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  6. Herbrührend, liebe Elke!
    Eine wunderschöne Geschichte.
    Danke dafür!
    Herzlichst, Elke

  7. …sorry, sollte natürlich „Herzberührend“ heißen.
    Gr. Elke

  8. Danke, du Liebe! Ich freue mich, dass die Geschichte so gefällt. Sehr sogar.
    Lieber Gruß und frohen Aschermittwoch
    Ele
    <3

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