Der kleine Regentropfen und die Sonnenpause

Auch Regentropfen wünschen sich ab und zu eine Pause, noch besser Ferien oder einen Urlaub gar

Der kleine Regentropfen war müde. Immer wieder hatte er in diesem Sommer aus den Wolken hinab aufs Land geregnet. Nie war Zeit gewesen, ein bisschen auszuruhen. Kaum war er auf der Erde angekommen und auf einem Blatt oder einer Blüte, einer Erdkrume, einem Stein, in einem Bach oder in einer Pfütze gelandet, kamen sogleich die heißen Sonnenstrahlen, um ihn zurück zur Wolke zu bringen. Dort oben traf er seine Regentropfenkollegen und gemeinsam sprangen sie wieder, Tropfen für Tropfen für Tropfen, vom Himmel, um an einem neuen Erdenplätzchen zu landen. So war er die ganze Zeit unterwegs. Zum Himmel hinauf, zur Erde hinab und wieder von vorne. Wieder und wieder.
„Ich bin müde“, beschwerte sich der kleine Regentropfen bei der Sonne.
„Zum Müdesein ist keine Zeit. Du musst zurück in deine Wolke, damit du aufs Neue regnen kannst“, erwiderten die Sonnenstrahlen. „Es ist Sommer und es gibt viel zu tun. Regen ist wichtig für die Natur, für das Wachsen und Reifen.“
„Immer muss ich arbeiten“, beschwerte sich der kleine Regentropfen. „Ich wünsche mir eine Pause. Für einen Tag nur. Oder zwei. Oder auch drei.“
Er dachte an die Menschen, die er in seinem langen Tropfenleben schon getroffen hatte. Die arbeiteten auch nicht immer. Sie hatten Tage mit Arbeit und sie hatten Tage mit Ausruhen und manchmal hatten sie sogar eine oder zwei oder gar drei Wochen, in denen sie sich nur ausruhen durften. Urlaub nannten sie dies. Oder Ferien.
„Wer ausgeruht ist, kann besser arbeiten“, hatte einmal eine Frau zu einem Kind gesagt. Ganz genau hatte der kleine Regentropfen, der für einen kurzen Regenpausenaugenblick auf der Schirmmütze der Frau saß, diese Worte gehört. Und ganz genau hatte er sie sich auch gemerkt.
„Ein ausgeruhter Regentropfen kann besser regnen“, erklärte er nun dem Sonnenstrahl, der seine heiße Zunge nach ihm ausstreckte und ihn auflecken wollte. „Hörst du? Ich will auch einmal Ferien haben. Keiner kann immer nur arbeiten und keiner kann auch immer nur regnen. Bitte, schenk mir eine Regenpause!“
„Eine Regenpause?“, fragte der Sonnenstrahl und lachte. „Nichts leichter als das. Wenn der Regen eine Pause macht, müssen wir Sonnenstrahlen strahlen. Und das tun wir auch. Pass auf! Jetzt.“
Und schnell schickte der Sonnenstrahl seine Wärme zu dem kleinen Regentropfen und seinen Kollegen.
Der Regentropfen erschrak. Hatte er Regenpause gesagt?
„Wie dumm ich doch bin!“, rief er. „Halt ein! Es war das falsche Wort. Ich meinte Sonnenpause. Du sollst eine Pause machen und mit deinen Strahlen für eine Weile nicht mehr strahlen, damit ich eine Pause machen kann. Wenn du nämlich eine Regenpause machst, müssen wir Regentropfen doch wieder bloß arbei…“
Der Regentropfen redete und redete, doch es war zu spät. Schon hatte er sich in der Hitze des strahlenden Sonnenstrahls zu Wasserdampf aufgelöst und stieg gemeinsam mit seinen Regentropfenkollegen himmelwärts. Dort wartete schon die große Wolke auf sie.
„Denken“, murmelte der kleine Regentropfen noch. „Man muss immer erst einen Moment über eine Sache nachdenken, bevor man sie ausspricht.“
Und er nahm sich vor, beim nächsten Mal daran zu denken. Vor allem, wenn er unterwegs einen Sonnenstrahl traf.

© Elke Bräunling

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

21. Mai 2016 von Elke
Kategorien: Frühlingsgeschichten, Geschichten über Gefühle, Gutenachtgeschichten, Märchen, Naturgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , | 14 Kommentare

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