Die blaue Sommerblume

Eine Zeitreise und eine Erzählung über die „Jungfer im Grünen“

Eines Tages betrat eine junge Fremde den Laden von Frau Blumenfee. Zielstrebig ging sie auf den Kübel mit den filigran wirkenden blauen Blüten zu und betrachtete sie.
„Gut“, sagte sie. „Hier bin ich richtig.“
Frau Blumenfee musterte die junge Frau.
„Jeder ist – irgendwie – irgendwo immer richtig“, antwortete sie schließlich. „Es gibt viele Wege, diese ‚richtigen‘ Orte zu finden.“
Die junge Fremde nickte. „Die Wege sind mir bekannt, selten aber die Ziele. Sie … sie sind Geschenke des Zufalls. Und mir scheint, soeben habe ich eines jener seltenen Geschenke gefunden.“
Sie greift zu einer unscheinbar wirkenden Blüte, die mit ihren tiefblauen, im zarten Blattgrün verborgenen Blütenblättern einer Kornblume glich, schnupperte, schloss für einen Moment die Augen, murmelte:
„Der Duft aus einer anderen Zeit. Das ist sie. Meine Blume. Die Blume des Wortes ‚Nein‘. Lange habe ich nach ihr gesucht, doch ich konnte sie in diesem Leben nicht finden. Es ist der leise Duft meiner Heimat. Schwebend. Dem Duft des Veilchens ähnlich.“
Sie blickte auf, sah Frau Blumenfee mit strahlenden Augen, die die gleiche Farbe wie die Blütenblätter hatte, an.
„Überall konnte man sie finden damals, in Gärten, an Wegen, Feldrainen. Bis man sie als altmodisch und unscheinbar befand und verbannte.“
Die beiden Frauen schwiegen einen Augenblick.
„In jenem anderen Leben nannte man mich ‚Greta‘. Jungfer Greta“, fuhr die Fremde fort. Sie deutete zur Burgruine, deren Mauerreste über die Baumwipfel des Berges am Rande der kleinen Stadt ragten. „Dort oben bei Ritter Clausfried war ich als Kammerfrau zu Diensten. Es war eine gute Arbeit und ich konnte mir ein anderes Leben, ein kärgliches Leben in einer der kleinen Bauernkaten am Fuße des Burgberges nicht vorstellen. Ich liebte nur einen, und der war unerreichbar für mich. Clausfried. Daher sagte ich „Nein!“, als der junge Robert mich freite. Diese Blume, das Symbol meiner Ablehnung, sandte ich ihm als Antwort zu … und blieb alleine, ein Leben lang. Jenes Leben, damals …“
Sie seufzte leise, lächelte wieder.
Frau Blumenfee erwiderte ihr Lächeln.
„‚Jungfer im Grünen‘ wird sie genannt, diese hübsche, kleine Blüte“, antwortete sie schließlich. „Und sie kommt immer mehr wieder in die Gärten zurück. Sie ist keine ‚vergessene‘ Blume.“
Die junge Fremde lachte. „Alles ist – irgendwie – irgendwann immer wieder richtig. Und für sie“, sie deutete auf die Blume, ist die Zeit nun wieder die richtige.“ Sie zwinkerte Frau Blumenfee zu. „So wie die meine auch.“
Sie deutete eine leise Verbeugung an, hauchte ein „Leben Sie wohl!“ … und war mitsamt der blauen Blume verschwunden.
„Das wünsche ich Ihnen auch, verehrte Jungfer Greta oder wie immer sie heute heißen mögen“, murmelte Frau Blumenfee. „Und passen Sie auf sich auf!“
Sie wischte sich leicht verwirrt über die Augen, so wie sie es immer tat, wenn ihre Blicke und Ohren für einige Momente in einer anderen, einer früheren Zeit, geweilt hatten.

© Elke Bräunling


Die zarte, betörend blaue ‚Blume des Neins“, die Jungfer im Grünen, Foto © Andrea Oberdorfer

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

19. Juni 2016 von Elke
Kategorien: Abenteuergeschichten, Geschichten über Gefühle, Märchen, Naturgeschichten, Sommergeschichten, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Was für zauberhafte Liebes-Blumen und Feen-Geschichte…. <3
    Und ich mag die "Jungfer im Grünen" sehr gern. 🙂

    Liebe Grüße
    Ute

  2. Danke, liebe Ute.
    Die „Jungfer“ ist eine der besonders reizvollen Blümchen, gerade, weil sie so bescheiden daher kommmt und doch ein kleines Kunstwerk ist …
    Liebgruß
    Ele

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