Der Glühwürmchenbaum

Als die Elfe dem Glühwürmchenhain im Sommerwald einen Besuch abstattete

„Hey, wacht auf! Es ist Zeit! Hallo! Ihr sollt aufwachen! AUFWACHEN !!!“
Aufwachen! Laut rief es die kleine Waldelfe immer wieder in den Sommerhain des Glühwürmchenwaldes hinein. Doch dessen Bewohner, die Glühwürmchen, rührten sich nicht.
„Sie sind doch wohl noch nicht ausgeflogen? Heimlich, bei Nacht, die frechen kleinen Kerle?“, murmelte sie und überlegte. „Nein, das kann nicht sein. Die Wächter des Zauberwaldes hätten mir Bescheid gesagt. Ganz gewiss.“
Und wieder flog sie nahe zum Eingang des Glühwürmchenhains und rief:
„Aufwachen, ihr faulen Kerle! Hört ihr! Wacht endlich auf! Es ist Sommer! Alle erwarten euch: die Zauberwaldbewohner, die Bäume, die Tiere und die Menschen. Vergeblich suchen euch die Kinder am Abend in den Gärten, den Parks, den Wiesen, Feldern und Wäldern. Bitte wacht auf! Kriecht aus euren Schlafnestern! Öffnet die Augen und zündet eure Glühlaternen an!“
Nichts. Kein einziges Glühwürmchen zeigte sich. Still blieb es im Glühwürmchenhain. Es war, als seien seine Bewohner verschwunden.
Die Elfe verlegte sich aufs Betteln.
„Ohne euch kann das große Sommerfest nicht stattfinden. Und die Kinder denken, ihr würdet fernbleiben, weil ihr sie nicht mehr leiden mögt. Hört ihr?“
Nichts.
Da beschloss die kleine Elfe, dem geheimen Glühwürmchenhain einen Besuch abzustatten. Vielleicht waren die Glühwürmchen in Not und hofften auf Hilfe? Vorsichtig und leise, ganz leise, flog sie immer weiter in das Land der Glühwürmchen hinein. Und da, auf einmal, sah sie die Glühwürmchen. Alle. Bei der hohen Hainbuche.
Ein kleines Mädchen mit langen, golden leuchtenden Haaren saß dort auf einem Ast und erzählte ein Märchen. Es war das Märchen von einer dunklen Sommernacht vor langer Zeit im Reich der Traumkinder.
Und ringsum hockten auf jedem Ast, jedem Zweig, jedem Blatt und jeder Blüte die Glühwürmchen. Dicht an dicht gedrängt saßen sie und lauschten den Worten des Mädchens. Sie hörten so gebannt zu, dass sie nichts anderes wahrnahmen. Nur ihre Fühler mit den Leuchtlaternen strahlten und funkelten und glimmerten.
Schön sah sie aus, die große Hainbuche mit den vielen abertausend und mehr Glühwürmchen-Funkellichtern. Traumzauberschön. Es war, als sei jedes Blatt mit flimmernden Schmucksteinen und Perlen geschmückt. Der ganze Baum funkelte und glitzerte und gleißte und verzauberte die kleine Waldelfe so sehr, dass ihr die Worte fehlten.
„Ach!“, staunte sie. „Das ist… Das kann… Wie find… Was soll i…“
Wie gesagt, ihr fehlten die Worte. Die kleine Elfe setzte sich unter die Glühwürmchenbuche und lehnte sich an deren mächtigen Stamm. Sie schloss die Augen … und schon tanzte auch sie mitten hinein in das Märchen, in dem das Dunkel hell wurde vom Licht der Glühwürmchen. Die nämlich mussten nicht mehr aufgeweckt werden. Sie waren längst wach … Oder war es doch nur ein Traum? Ein Sommermärchentraum?
© Elke Bräunling

 

Glühwürmchen, Mittsommer und Sommerabende? – Weitere Geschichten

Als Papa Jule einen Stern schenkteEine Sommergeschichte mit Sternen und Glühwürmchen
Glühwürmchen, Glühwürmchen, flimmere … Das Glühwürmchenlied
Auf der Suche nach der hellen Nacht –
Die Sommer im Norden
Es ist noch viel zu hell zum SchlafenEin Mittsommermärchen
Glühwürmchennächte – Gedicht
Der Spitzname ‚Glühwürmchen‘ klingt lieb

Wald 2Auch ein Glühwürmchenbaum? Wer weiß?

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

12. Juli 2016 von Elke
Kategorien: Märchen, Naturgeschichten, Sommergeschichten, Tiergeschichten, Traumgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert


%d Bloggern gefällt das: