Die Kastanienfrau

Den Bäumen ein Danke sagen im Herbst für all das, was sie für uns tun

„Die Kastanienfrau kannte früher jeder. Sie tauchte in den letzten Tagen des späten Sommers auf und zog ihre Runden durch die Stadt“, erzählte Onkel Hannes, als sie nach dem Essen bei Oma Lisa noch ein wenig zusammen saßen und plauderten. „Immer den gleichen Weg nahm sie.“
„Welchen Weg?“, fragte die kleine Mila.
„Und warum immer den gleichen?“, erkundigte sich Matthis.
„Und warum „früher’?“, wollte Papa wissen. „Ist sie heutzutage nicht mehr unterwegs?“
Onkel Hannes schlug die Hände über dem Kopf zusammen und stöhnte: „Oh! So viele Fragen auf einmal. „Ihr müsst wissen: Die Sache mit der Kastanienfrau war lange ein Geheimnis.“
Er sagte es leise und seine Stimme klang nun auch so geheimnisvoll, dass man meinen konnte, er habe diese rätselhafte Kastanienfrau selbst schon einmal getroffen. Oder wenigstens gesehen.
„Man munkelt, dass sie allen Kastanienbäumen der Stadt einen Besuch abstattet. Baum für Baum für Baum. Um jeden Stamm legt sie schützend und auch ein wenig liebkosend,die Arme und singt ihnen ihr stummes Lied vom Wachsen und Werden und Leben. Und auch vom Vergehen. Die Bäume sollen wissen, welch wichtigen Beitrag sie für das Leben von uns allen leisten und es soll ihnen wenigstens einmal im Jahr gedankt werden.“
„Oh, toll.“ Mit großen Augen sahen Mila und Matthis den Onkel an. Auch Mama hatte feuchte Augen bekommen.
„Wie wundervoll!“, sagte sie. „Das ist eine so schöne, so feine Geschichte. Und sie hat recht, die geheimnisvolle Kastanienfrau. Wir sollten alle den Bäumen öfter danken. Gerade wir Stadtleute. Sorgen die Bäume doch dafür, dass sich unsere Luft über Nacht ein bisschen erholt von all dem Schmutz, Staub und Gestank.“
„Ich will den Bäumen auch Danke sagen“, ruft Mila. „So wie es die Kastanienfrau tut.“
„Du willst Bäume umarmen?“ Spöttisch, aber auch ein wenig nachdenklich sieht Matthis seine Schwester an. Wie peinlich ist das denn? Wenn seine Freunde ihn dabei sehen würden. Nicht auszudenken wäre das. „Man kann sich auch ohne dieses Umarmen bedanken, oder?“
Papa grinst. „Aber gewiss kann man das.“
„Danke zu sagen ist nie verkehrt“, sagte Onkel Hannes. „Ich kann mir vorstellen, dass sich darüber nicht nur die Bäume freuen, sondern ganz bestimmt auch die Kastanienfrau.“
„Echt wahr? Dann werde ich gleich mit dem Bedanken anfangen“, rief Mila. „Vielleicht treffe ich die Kastanienfrau unterwegs?“
„Hast du sie denn nun schon einmal gesehen?“, fragte Matthis wieder.
Der Onkel schüttelte den Kopf. „Niemand hat sie je gesehen“, sagte er leise.
„Und warum flüsterst du dann?“, wollte Mila wissen. „Glaubst du, sie ist hier und kann uns hören?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Onkel Hannes, noch leiser nun. „Ich weiß nur, dass wir sie hören können. Manchmal, wenn die Sonne ein besonders mildes, schimmerndes Licht auf das Land und ganz besonders auf die Bäume des frühen Herbstes legt. Dann nämlich hallt ihr Lied von Kastanienbaum zu Kastanienbaum und die Blätter sirren zufrieden im Rhythmus der Melodie. Schön klingt das. Zauberschön.“
Onkel Hannes machte eine Pause, dann fuhr er fort:
„Und dann geht alles ganz schnell. Die Blätter lassen sich von Tag zu Tag nun mehr von der Herbstsonne streicheln und werden gelb und immer gelber. Und die Kastanien, die lassen sich, eine nach der anderen, zu Boden fallen. Viele junge Kastanienbäume wollen sie werden. Oder Kastanienmännchen, von Kindern gebastelt.“
„Und die Kastanienfrau?“, fragte Mila.
„Die lacht“, sagte Onkel Hannes mit einem Lächeln. „Du kannst es hören, dieses Lachen. Wenn du draußen bist und einen Baum umarmst. Oder wenn du einfach nur Danke sagst.“

© Elke Bräunling

Hier findet Onkel Hannes die ersten Kastanien im Jahr, nein, sie fallen ihm auf den Kopf: Er ist wieder da

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

18. September 2016 von Elke
Kategorien: Familiengeschichten, Freundschaftsgeschichten, Geschichten über Gefühle, Herbstgeschichten, Naturgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , | 1 Kommentar

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