Der kleine grüne Kürbis

Der kleine grüne Kürbis hat ein kleines Problem: Ist es schön, schön zu sein?

Jeder wollte einen Kürbis haben. Fast unheimlich war das. Oder beängstigend.
„Mich kriegt ihr nicht“, sagte der kleine Kürbis mit den dunkelgrünen Streifen im hellgrünen Gewand. Und er duckte sich tief hinter seine Kollegen, die einer Pyramide gleich auf dem Verkaufstisch im Hofladen thronten.
Die lachten. Sie verstanden die Sorgen ihres kleinen Kollegen nicht.
„Es ist doch schön, neue Freunde zu finden und mit ihnen die Sonne zu sehen“, sagten sie zu dem ängstlichen kleinen Kürbis. „Oder willst du immer hier in diesem Raum auf dem Tisch liegen bleiben?“
„Neue Freunde? Die Sonne sehen? Das möchte ich auch. Nur …“ Der kleine Kürbis schluchzte leise. „Mich mag doch keiner. Ich bin klein und grün. Auch die Sonne mag mich nicht leiden. Warum sonst hat sie mir nicht auch ein leuchtend gelbes oder orangefarbenes Gewand geschenkt? Nein, das hat sie nicht. Überhaupt nicht gesehen hat sie mich, als wir draußen auf dem Feld lagen und uns wünschten, von ihren Strahlen gestreichelt zu werden. Oh, ich mag es nicht leiden, dieses Grün. Es ist langweilig und hässlich.“
Da grinsten die anderen Kürbisse, die gelben. Es war ein gefälliges, überhebliches Grinsen.
„Es kann nicht jeder schön sein“, meinte einer.
„Und es kann auch nicht jeder geliebt werden“, sagte ein anderer, und ein dritter rief:
„Pass auf, dass du dich nicht grün ärgerst. Hahaha.“
Und wieder lachten alle, während sich der kleine, grüne Kürbis noch mehr duckte, bis man ihn hinter den roten Rüben fast nicht mehr sehen konnte.
Gerade noch rechtzeitig. Eine Lehrerin betrat nämlich auch in diesem Augenblick mit ihrer Schulklasse den Hofladen.
„Kürbisse!“, riefen alle durcheinander. „Wir brauchen viele große, gelbe und orangefarbene Kürbisse.“
Und die Lehrerin erklärte: „Zum Fratzenschnitzen für unser großes Herbstgeisterfest.“
Fratzenschnitzen? Herbstgeisterfest? Vor lauter Schreck sagte die Kürbisse nichts mehr. Sie schwiegen auch, als eifrige Kinderhände nach ihnen griffen und sie forttrugen.
„Wie ist es doch schön, nicht zu schön zu sein!“, sagte der kleine grüne Kürbis später zu den roten Rüben, doch er sagte es nur leise.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

25. September 2016 von Elke
Kategorien: Geschichten über Gefühle, Herbstgeschichten, Naturgeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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