Der Igel, das Eichhörnchen, der Hunger und das verdammte Wort ‚verdammt‘

Auch Schimpfworte machen nicht satt, wohl aber Gespräche mit anderen Waldbewohnern

„Na?“, fragte das Eichhörnchen den kleinen Igel, der gerade aus seinem Schlafquartier kroch. „Schon vorbereitet für den Winter, werter Freund?“
„Ich bin nicht dein Freund“, knurzte der Igel. „Ich habe keine Freunde und ich brauche sie auch nicht.“
Seine Laune war seit Tagen nicht die beste. Dieses trockene Herbstwetter beraubte ihn seiner wichtigen Nahrung. Die Schnecken, die er normalerweise gerne verspeiste, krochen bei dieser Trockenheit nur kurz aus ihren Verstecken. Zu kurz für den kleinen Igel.
„Und was die Vorbereitung auf den Winter betrifft, so kann man nur hoffen, dass der noch lange auf sich warten lässt. Ich habe mir noch lange nicht den richtigen Winterbauch angefuttert“, meckerte er daher.
„Ich kann nicht klagen“, sagte das Eichhörnchen. „Nüsse, Zapfen und feine Baumfrüchte gibt es hier zuhauf. Ich schätze, es war ein guter Sommer gewesen. Ein Früchtesommer.“
Der Igel seufzte. Das Eichhorn hatte gut reden. „Und es war ein verdammt schlechter Schneckensommer und ich habe verdammt nochmal großen Hunger. Sehr großen Hunger.“
„Man sagt nicht ‚verdammt‘“, krähte das Eichhörnchen vergnügt. „Fluchen bringt auch nicht weiter.“
„Und was bringt weiter, du kleiner Klugscheißer.“ Der kleine Igel spürte, wie er wütender und wütender wurde. Und auch hungriger.
„Reden bringt weiter“, antwortete das Eichhörnchen und lachte. „Wer mit vielen Waldbewohnern redet, läuft Gefahr, die eine oder andere interessante Sache zu erfahren.“
„Und was wäre eine interessante Sache? Ist sie zum Lachen oder warum lachst du?“, erkundigte sich der Igel. Es kostete ihn Mühe, nicht gleich wieder ‚verdammt‘ und andere Schimpfworte zu sagen, obwohl ihm sehr danach war.
Das Eichhörnchen hüpfte über den Ast, auf dem es saß, zum Baumstamm hinüber. Von dort glitt es wieselflink zu dem kleinen Igel auf den Boden hinab.
„Du traust dich ‚was“, knurrte der. „Also. Willst du mir vielleicht eine interessante Sache erzählen?“
„Interessant? Für mich nicht. Für dich aber sehr“, sagte das Eichhörnchen. „Ich weiß nämlich, wo du dich satt essen kannst. Schneckensatt. Drüben beim Höllbach beim kleinen Wasserfall musst du suchen. Im Sommer ist der Boden dort immer feucht. Das ist er auch jetzt. Ich verwette mein gut gefülltes Winterlager, wenn du dort keine Beute fändest.“
„Hmhm. Das klingt gut. Sehr gut klingt das. Ich … wie, sag mir, wie kann ich dir danken?“, fragte der kleine Igel. Er war wirklich sehr dankbar.
„Och, lass mich überlegen.“ Das Eichhörnchen überlegte wirklich einen Moment, dann grinste es. „Sag nicht mehr ‚verdammt‘. Es ist kein nettes Wort.“ Es kicherte und ehe der kleine Igel darauf noch etwas antworten konnte, hatte es sich schon in das Geäst des nächsten Baumes hinauf geschwungen und war wenig später verschwunden.

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

03. Oktober 2016 von Elke
Kategorien: Herbstgeschichten, Märchen, Naturgeschichten, Tiergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , | Schreibe einen Kommentar

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