Die kleine Waldmaus „trifft“ den Herbst

Die kleine Waldmaus lernt den Herbst kennen. Er duftet gut und anders

Seltsam fühlten sich die letzten Tage an. Viel länger dauerte es, bis es am Morgen hell war und irgendwie schien sich der Tag auch früher zu verabschieden. Auch das Gras, die Blumen und Kräuter auf der Wiese benahmen sich komisch. Viel zu lange hielten sie den feuchten, nasskalten Morgentau auf ihren Blättern und Halmen fest und so recht wachsen und blühen wollten sie auch nicht.
Was war nur los?
Die kleine Waldmaus stand auf der Waldwiese und schnupperte.
„Hm, hm!“, machte sie. „Der Luftduft fühlt sich auch anders an. Hm, hm! Alles ist anders. Oh, seltsam ist das. Und ich weiß nicht, ob es mir gefallen möchte, dieses Andere.“
„Was ist anders?“, fragte Opa Maus. „Und was meinst du mit ‚Luftduft‘?“
Die kleine Maus schnupperte wieder. „Riech doch mal! Hm, hm! Alles ringsum duftet anders. Nach Erde und ein bisschen nach faulem Gras, alten Früchten und nassen Blättern.“
„Ach, das meinst du.“ Opa Maus war beruhigt. „Das ist der Duft des Herbstes.“
Herbst? Den kannte die kleine Waldmaus noch nicht. Sie hatte auch noch nie etwas von diesem fremden Kerl gehört.
„Wer ist dieser Herbst? Ein Mensch? Wird er zu unserer Mäusehöhle kommen?“
„Ganz bestimmt wird der Herbst kommen“, antwortete Opa Maus. Dann schnupperte auch er. „Eigentlich ist er schon da.“
„Er ist schon da? Wo? Ich will ihn sehen.“
Die kleine Maus war aufgeregt und sehr neugierig. Und sehr neugierig reckte sie den Hals und blickte nach links und nach rechts, nach vorne und nach hinten, nach oben und nach unten. Und sie sah: Nichts! Alles war wie immer. Nur die Sonne hing tiefer über dem Tal, als hätte sie keine Lust, über den Himmel zu wandern. Das Gras fühlte sich noch immer sehr nass an und die Luft duftete auch noch immer irgendwie nach Erde und faulem Gras, alten Früchten und nassen Blättern. Jenen fremden Herbst aber, den konnte sie nirgendwo sehen. Die kleine Maus war enttäuscht.
„Das muss ein komischer Kerl sein“, brummelte sie. „Ich kann ihn nicht sehen, nicht fühlen, nicht riechen. Also ist er da und doch nicht da. Ich glaube, den brauchen wir hier nicht, oder?“
In diesem Augenblick zog eine laute schwarze Wolke über die Wiese hinweg. Es waren Vögel. Viele Vögel. Sie schienen aufgeregt zu sein und warfen einander im Flug aufgeregte Vogelworte und Vogelrufe zu.
„Oooh!“ Die kleine Waldmaus staunte. So viele Vögel auf einmal hatte sie noch nie gesehen.
Staunend sah sie der Vogelwolke, die weiter gen Süden flog, hinterher.
„Sie können hier nicht bleiben und fliegen vor dem Herbst davon“, erklärte Opa Maus.
Die kleine Waldmaus nickte. „Siehst du!“, sagte sie. „Sie brauchen ihn auch nicht, diesen fremden Herbstkerl.“

© Elke Bräunling

Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

08. Oktober 2016 von Elke
Kategorien: Herbstgeschichten, Naturgeschichten, Tiergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Pingback: Die kleine Waldmaus und das Nebelgrau | Elkes Kindergeschichten

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert


%d Bloggern gefällt das: