Die kleine Waldmaus und das Nebelgrau

Die kleine Waldmaus lernt den Nebel kennen

Es ist früh dunkel geworden an diesem Nachmittag. Wolken haben sich über die Waldwiese gelegt.
„Oh!“, rief die kleine Waldmaus. „Hat die Nacht den Tag überholt?“
Sie kletterte auf die Mauer, die die Wiese von den Obstgärten trennte und sah sich um. Ringsum sah sie nur noch grau. Es war ein dunkles Grau und es fühlte sich kalt an und feucht.
„So ein graues Grau habe ich noch nie gesehen.“
„Die Menschen nennen es Nebel, kleine Maus“, sagte der Rabe, der auf dem Apfelbaum saß und mit lautem Krächzen seine Rabenkollegen herbei rief.
Unheimlich klang dieses laute Krächzen in dem fremden grauen Grau.
„Nebel?“, fragte die kleine Waldmaus. „Du meinst, dieses kalte Dunkel, das wie eine frühe Nacht aussieht, ist Nebel? Oder haben wir schon Nacht?“
„Wenn sich Herbstwetterwolken auf unser Land legen und die Bäume und Sträucher und Gräser umfarmen, ist das in der Tat so etwas wie eine frühe Nacht“, bemerkte der Rabe. „Aber das scheint nur so.“
„Und was macht man bei Nebel? Wozu brauchen wir ihn? Er fühlt sich kühl an, aber er gefällt mir.“
Die kleine Maus hatte noch nie Nebel gesehen und der Gedanke, dass Wolken die Waldwiese umarmten, gefiel ihr.
Dem Raben aber schien der Nebel keine Freude zu bereiten.
„Hohä!“, krächzte er. „Auf Nebeltage kann ich gerne verzichten. Sie nehmen mir die Sicht auf die Dinge.“
Sicht auf die Dinge? Die kleine Waldmaus blickte sich wieder um. Sie sah nun fast nichts mehr. Da war nur noch dieses graue Nichts, das alles ringsum immer mehr umhüllte.
„Es ist … ein bisschen … unheimlich“, sagte sie schließlich. „Sag, Rabe, muss man sich bei Nebel fürchten?“
„Aber ja“, sagte der Rabe. „Wenn man seinen Weg nicht mehr findet zum Beispiel. Man kann sich verirren.“
„Verirren? Oh! Das ist gefährlich.“ Die kleine Waldmaus dachte an Opa Maus. Seine Ermahnungen, sich niemals zu verirren, fielen ihr wieder ein. ‚Achte stets auf deinen Weg, kleine Maus!‘, hatte er gesagt. ‚Wer sich verirrt, schwebt schnell in Gefahr.‘
Gefahr? Die kleine Waldmaus erschrak.
„Den Nebel kenne ich nun“, rief sie zu dem Raben hinauf. „Und nun muss ich schnell nach Hause. Die anderen warten auf mich. Tschüs, Rabe!“
„Adieu, kleine Maus“, krächzte der Rabe „Pass auf, dass du dich nicht verirrst!“
Das aber hatte die kleine Waldmaus schon nicht mehr gehört. Sie beeilte sich nämlich, zurück zur Mausehöhle zu kommen.

© Elke Bräunling

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin

09. Oktober 2016 von Elke
Kategorien: Abenteuergeschichten, Familiengeschichten, Herbstgeschichten, Mutgeschichten, Naturgeschichten, Tiergeschichten, Wintergeschichten | Schlagwörter: , , , , , , , , , , | 18 Kommentare

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