Eine Laterne für Yzim

Von Laternen, vom Teilen und von Gemeinschaft

”Morgen ist Martinszug”, sagen die Kinder im Schulhof, und alle freuen sich. Gegenseitig versuchen sie sich mit ihren Laternen zu übertrumpfen.
”Ich hab ´ne Laterne mit ´nem Bärenkopf”, prahlt Tim.
”Meine Laterne hat ein Grinsgesicht”, ruft Anja.
”Ich habe einen Rübengeistkopf”, sagt Maja.
”Und meine ist ein Saurier”, sagt Pit überheblich.
”Meine Laterne ist eine Sonne”, sagt Marie. ”Die hat meine Mama als Kind gebastelt. Das finde ich gut.”
”Phhh!”, versucht Marko seine Mitschüler zu übertrumpfen. ”Meine Laterne ist voll toll neu mit coolen Zauberer- und Geisterbildern.”
”Und meine …”
Laut geht es zu. Jeder will die schönste Laterne haben.
”La-ter-ne?”, buchstabiert Yzim, der im Frühjahr erst aus der Türkei nach Deutschland gekommen ist, plötzlich mühsam. ”Was ist das?”
Eine komische Frage. Einige Kinder lachen und finden Yzim mal wieder schrecklich witzig. Weiß doch jeder, was eine Laterne ist, oder?
”Kennst du den Martin?”, fragt Marie Yzim schließlich vorsichtig.
”Martin?” Yzim überlegt. Dann strahlt er zufrieden auf. ”Ja. Er ist der Freund von meinem Bruder.”
Wieder kichern einige Kinder, doch einige blicken auch ernst drein. ”Nein, den meinen wir nicht”, sagt Pit. ”Marie will wissen, ob du den heiligen Martin kennst? Den St. Martin mit dem halben Mantel und den Gänsen, die ihn im Stall verraten haben.”
”Wie bitte?” Yzim sieht seine Mitschüler ungläubig an. ”Heiliger Martin? Halber Mantel? Gänse im Stall?” Er schüttelt den Kopf. ”Nein, ich kenne nicht”, meint er schließlich. ”Wo wohnt er?”
Hm! Was soll man darauf antworten? Die Kinder sehen sich ratlos an.
Plötzlich lang sich Marko an den Kopf. ”Na klar”, ruft er. ”in Yzims Religion gibt es kein Martinsfest.“
”Wie schade”, meint Anna, und Maja fragt: ”Darf Yzim deshalb morgen nicht mit zum Laternenzug?”
Gute Frage. Wieder sehen sich die Kinder grübelnd an, während Marie Yzim erklärt, was ´Laternenzug´ bedeutet und wie eine Laterne aussieht.
”Das will ich auch haben”, sagt Yzim.
”Naja”, meint Pit zögernd. ”Deine Religion ist dir bestimmt nicht böse, wenn du mitkommst.”
”Stimmt”, ruft Marie. ”Es ist nicht fair, dass Yzim zu Hause bleiben muss.”
”Genau!” Die Kinder sind sich einig. ”Du kommst mit, Yzim, und basta!”
”Basta?”, fragt Yzim.
Da müssen alle lachen, und Marie, Anja und Pit beschließen, am Nachmittag mit Yzim eine Laterne zu basteln. ”Das ist dann wie beim Martin”, meint Marie. ”Wir teilen, damit Yzim auch eine Laterne bekommt.”
”Basta!”, sagt Yzim wieder und lacht, und Marie murmelt leise: ”Ist gar keine schlechte Sache, wie St. Martin zu teilen. Es muss ja nicht immer ein halber Mantel sein.”

© Elke Bräunling

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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin
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