Apfelwinter

Winterwünsche der vergessenen Äpfel am Apfelbaum

„Weihnachtszeit ist Apfelzeit“, sagte der Apfel mit den kleinen, roten Bäckchen eines kalten Spätherbsttages zu seinen Kollegen, die mit ihm die Ernte verpasst hatten und noch immer im Baum warteten. Worauf sie warteten, wussten sie nicht. Sie froren. Kühle Reifsternchen hatten sich auf ihre Apfelbacken gesetzt.
„Was ist Weihnachtszeit?“, fragte einer seiner Apfelkollegen. Er klang missmutig, denn er mochte die Kälte nicht leiden.
„Ein Menschenfest“, antwortete der Apfel mit den roten Backen. „Der Rabe hat es mir erzählt.“
Der Rabe? Der erzählte viel in diesen Tagen. Die Äpfel versuchten es mit einem Kichern, doch das klang hohl irgendwie und schrill. Es tat nicht gut, Tag für Tag weiter auf dem Baum auszuharren.
„Ein Menschenfest ist kein Apfelfest“, brummte einer von ihnen schließlich.
„Habt ihr Lust, von Menschen gepflückt und knackzack aufgegessen zu werden?“, fragte ein anderer.
„Bestimmt nicht“, rief ein dritter Apfel. „Ich will den Frühling noch einmal sehen und so lange bleibe ich an meinem Platz im Baum.
„Hoho! Das schaffst du nicht. Das hat noch nie einer geschafft.“ Die Äpfel mussten nun doch lachen, obwohl ihnen der Gedanke an einen neuen Frühling sehr gefiel.
„Unsinn!“, knurrte einer dann. „Wir werden alle sterben. Bald. Der Frost wird uns töten und ich habe keine Lust, bis an dieses eisige Ende zu warten. Ich lasse los.“
Und ehe einer seiner Kollegen protestieren konnte, plumpste er auch schon vom Baum. Er landete auf dem hart gefrorenen Boden und kullerte noch ein bisschen weiter, bis er zwischen weißen, von Raureif überzogenen Grasbüscheln liegen blieb.
Erschrocken blickten ihm die Äpfel hinterher.
„Wie töricht er ist!“, sagte einer schließlich. „Jeder Tag ist ein Geschenk.“
„Stimmt“. rief ein anderer. „Ich möchte noch viele Tage hier erleben. So schön ist es, wenn uns die Vögel besuchen oder wenn ein Eichhorn auf seinem Weg bei uns Rast macht. Was haben sie nicht alles zu erzählen!“
„Und ich freue mich, wenn ich den Kinder im Garten dort drüben beim Spielen zusehen kann. Manchmal singen sie auch. Das ist schön“, sagte der kleine Apfel im Ast ganz oben links.
„Das Leben ist schön! Auch ein kalten Tagen“, stimmte sein Nachbar zu. „Ich will noch lange hier bleiben.“
„Genau. Bis zum Frühling!“, rief der Apfel, der den Frühling noch einmal sehen wollte, wieder. „Man kann es doch einmal versuchen, oder?“
„Wenn wir uns anstrengen?“, meinte einer. „Ja, ich will es auch schön haben.“
„Lasst uns über jeden Tag, der uns gegeben ist, freuen“, rief ein dritter.
„Und wenn wir eines Morgens aufwachen, ist der Frühling da.“
„So machen wir es.“
Die Äpfel waren sich einig und sie freuten sich von nun an über jeden Tag, der ihnen noch gegeben war. Und als eines Tages Kinder kamen, sie pflückten und im Zimmer an die Zweige einer grünen Tanne neben leuchtende Kerzenlichter hängten, lächelten sie. Dies hier war zwar nicht der Frühling, aber auch schön. Sehr schön sogar.

© Elke Bräunling

Dieses Apfelmärchen ist ganz neu entstanden.
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Über Elke

Elke Bräunling, Kinderbuchautorin
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